25 Jahre lang habe ich für die SG Horrenberg Fußball gespielt. Das Dorf liegt nur wenige Kilometer von Hoffenheim entfernt. Einer der Trainer dort – ich war damals noch Jugendspieler, habe aber jedes Spiel der Herrenmannschaft verfolgt – war von 1983 bis 1985 Erich Hermesdorf. Viele Gedanken darüber, wo er selbst einmal Fußball gespielt hatte, machte ich mir damals allerdings nicht.
Dabei hatte Hermesdorf 23 Bundesligaspiele für Borussia Neunkirchen bestritten. Seine Heimspiele fanden in einem Stadion statt, das heute fast noch so aussieht wie in den 1960er-Jahren: dem Ellenfeldstadion.
Seit Februar 2025 steht die Anlage unter Denkmalschutz. Nach Einschätzung des saarländischen Landesdenkmalamts ist sie das letzte Stadion aus den Gründerjahren der Fußball-Bundesliga, das noch größtenteils im damaligen baulichen Originalzustand erhalten ist. Besonders bemerkenswert sind die hohen Betontribünen und die stützenfreie Überdachung der Haupttribüne.
Das Ellenfeld ist deshalb nicht nur für Fußballfans interessant. Es zeigt auch eindrucksvoll, wie Stadien gebaut wurden, bevor Logen, Hospitality-Bereiche, Videowürfel und geschlossene Fassaden den modernen Stadionbau bestimmten. Für mich als Fußball-Nostalgiker ist das natürlich ein Traum. So wie der Bökelberg in Mönchengladbach. Dort konnte ich das letzte Bundesligaspiel live im Stadion verfolgen, ehe es in den Nordpark ging.

Seit 1912 wird im Ellenfeld Fußball gespielt
Die Geschichte des Ellenfelds beginnt lange vor der Bundesliga. Bereits am 7. April 1912 wurde auf dem damaligen Borussia-Sportplatz das erste Spiel ausgetragen. Einige Monate später, am 14. Juli 1912, folgte die offizielle Einweihung.
Der Platz entstand auf dem Gelände des früheren Heusnersweihers. Anfangs war von einer großen Arena noch wenig zu sehen. Wie bei vielen frühen Sportplätzen entwickelte sich die Anlage Stück für Stück. 1921 kam eine große Holztribüne hinzu. Sie stand auf der heutigen Gegengeraden, brannte jedoch im Dezember 1928 vollständig ab. Bereits 1929 begann der Bau einer neuen Tribüne auf der gegenüberliegenden Seite. Sie wurde im März 1930 fertiggestellt.
Solche gewachsenen Sportanlagen waren damals typisch. Einen Eindruck davon, wie sich der Stadionbau über Jahrtausende aus einfachen Geländemodellen entwickelt hat, gibt auch mein Beitrag über den Stadionbau in der Antike. Das Ellenfeld, wie wir es heute kennen, entstand allerdings erst mehr als 30 Jahre später.
Der Bundesliga-Aufstieg verändert das ganze Stadion
1964 gelang Borussia Neunkirchen der Aufstieg in die Bundesliga. Für den Verein war das sportlich ein riesiger Erfolg – baulich brachte er jedoch ein massives Problem mit sich.
Das bisherige Ellenfeld war für den Betrieb in der höchsten Spielklasse schlicht zu klein und genügte auch in anderen Punkten nicht mehr den Anforderungen. Das Spielfeld war beispielsweise zu schmal und wies ein Gefälle auf.
Am 20. Juli 1964 begannen deshalb umfangreiche Bauarbeiten. Von einem normalen Umbau kann man kaum sprechen: Große Teile des Stadions wurden praktisch neu angelegt. Zunächst verschwanden etwa 150 Bäume rund um die Anlage. Bagger brachen alte Stehränge ab und beseitigten rund 250 m³ Beton und Mauerwerk. Für die neuen Zuschauerränge mussten außerdem etwa 3.000 m³ Erde bewegt werden.
Das Spielfeld wurde verbreitert und neu angelegt. Dadurch verschob sich auch die gesamte Stadiongeometrie. Besonders bemerkenswert ist das Tempo: Bereits am 29. August 1964 sollte Borussia Dortmund zum ersten Bundesligaspiel im Ellenfeld antreten.
5.800 Betonplatten bis zum ersten Heimspiel
Für die unteren Stehplatzbereiche nutzten die Bauleute die vorhandene Topografie. Erde wurde so modelliert, dass treppenförmige Böschungen entstanden. Darauf kamen die eigentlichen Stufen.
Im ersten Bauabschnitt entstanden 15 bis 21 Reihen mit Stehplätzen. Bis zum Bundesligastart wurden nach historischen Vereinsunterlagen rund 5.800 Stufenplatten verlegt. Jede davon wog etwa 100 kg. Hinzu kamen etwa 600 Einzelfundamente aus Beton und rund 1.000 m Rohrgeländer.
Das Prinzip, Tribünen teilweise in Böschungen zu legen, ist wesentlich älter als der moderne Stadionbau. Es spart massive Unterkonstruktionen, weil ein Teil der Last unmittelbar über den Untergrund aufgenommen wird. Genau deshalb bezeichnet das Landesdenkmalamt die unteren Bereiche des Ellenfelds heute ausdrücklich als „Erdstadion“. Dahinter beginnt jedoch eine völlig andere Konstruktion.
Bis zu sechs Meter tief gegründet
Haupttribüne, Fankurve und Spieser Kurve konnten nicht einfach auf einen Erdwall gesetzt werden. Hier entstanden aufgeständerte Tribünen aus Stahlbeton.
Bei den Gründungsarbeiten mussten teilweise bis zu 6 m tiefe Baugruben ausgehoben werden, bevor ausreichend tragfähiger Untergrund erreicht war. Darüber errichteten die Bauunternehmen Stützen und eine Tragkonstruktion für die Zuschauerränge. Das klingt heute nach einem normalen Bauablauf. Ungewöhnlich war jedoch, unter welchen Bedingungen gearbeitet wurde: Borussia Neunkirchen spielte währenddessen weiter im Ellenfeld.
Auf historischen Bildern ist zu sehen, wie Zuschauer zwischen halbfertigen Betonstützen standen oder sich erhöhte Positionen auf der Baustelle suchten, um das Spiel verfolgen zu können. Nach heutigen Sicherheitsregeln wäre ein solcher Stadionbetrieb kaum vorstellbar.
15 Tonnen schwere Stahlbetonteile für die Haupttribüne
Beim Bau der neuen Haupttribüne setzte das verantwortliche Ingenieurbüro auf vorgefertigte Stahlbetonteile. Sie wurden nicht irgendwo in einem entfernten Fertigteilwerk produziert, sondern direkt auf dem Nebenplatz des Stadions hergestellt. Anschließend hoben Kräne die Bauteile auf die bereits errichteten Stützen.
Besonders schwer waren die sogenannten Läufer. Auf diesen schräg verlaufenden Tragelementen lagen später die Stufen der Tribüne. Historische Vereinsunterlagen beziffern ihr Gewicht auf jeweils rund 15 t.
Die neue Konstruktion entstand dabei über der alten Tribüne von 1930. Diese konnte während eines Teils der Bauphase weiterhin genutzt werden. Erst als die neue Tribüne weit genug fortgeschritten war, verschwand das bisherige Dach. Damit erinnert die Baustelle an einen Umbau unter laufendem Betrieb – nur unter Bedingungen, die man bei modernen Großprojekten so kaum noch zulassen würde.
Wie radikal ein historisches Stadion heute umgebaut werden kann, zeigt der Gegenentwurf in Barcelona: Beim Umbau des Camp Nou wird aus dem alten Stadion derzeit eine hoch technisierte Arena mit vollständig neuer Infrastruktur.
Ein Tribünendach ohne Pfeiler vor den Zuschauern
Das auffälligste Bauteil des Ellenfelds befindet sich über der Haupttribüne. Das Dach überspannt die Sitzplätze, ohne dass Pfeiler den Zuschauern die Sicht auf das Spielfeld nehmen. Gerade bei älteren Stadiontribünen war das keineswegs selbstverständlich; oft standen Stützen mitten im Zuschauerbereich. In Neunkirchen wurde dagegen eine weit auskragende Stahlkonstruktion gewählt. Von den Zuschauerrängen aus bleibt der Blick aufs Spielfeld vollkommen frei.
Die Konstruktion war Anfang der 1960er-Jahre so außergewöhnlich, dass sie bis heute zu den Bauteilen gehört, mit denen das Landesdenkmalamt den ingenieurtechnischen Wert des Stadions begründet. Am 10. April 1965 konnte die neue Haupttribüne beim Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt erstmals vollständig genutzt werden.
Stützenfreie Tribünendächer entwickelten sich später zu einem wichtigen Merkmal moderner Fußballarenen. Einen ähnlichen Entwicklungsschritt zeigt das schottische Pittodrie Stadium in Aberdeen, in dem sich ebenfalls mehrere wichtige Etappen der Stadiontechnik ablesen lassen.
Die Spieser Kurve wächst 15 Meter in die Höhe
Noch eindrucksvoller als die Haupttribüne wirkt von außen die Spieser Kurve. Ihre Betonkonstruktion wächst bis rund 15 m über das ursprüngliche Geländeniveau. 46 Stufenreihen boten hier Tausenden Zuschauern Platz.
Der Name „Kurve“ täuscht dabei etwas: Die vermeintlich gebogenen Bereiche bestehen ebenfalls aus geraden beziehungsweise rechteckigen Betonelementen. Durch ihre Anordnung entsteht optisch dennoch der Eindruck eines geschwungenen Tribünenverlaufs.
Solche großen Stehplatzbereiche prägten den deutschen Fußball der 1960er- und 1970er-Jahre. Möglichst viele Menschen sollten das Spiel sehen können; Komfort spielte eine deutlich kleinere Rolle als heute.
Am 18. Juni 1967 zeigte sich, wie viel Publikum in das Ellenfeld passte. Zum Bundesliga-Aufstiegsspiel gegen Bayern Hof kamen offiziell 33.000 Zuschauer. Borussia gewann 4:0. Mehr Menschen kamen nie wieder zu einem Fußballspiel ins Ellenfeld.
Mit Borussia zurück in die Bundesliga
Zu jener Mannschaft gehörte auch Erich Hermesdorf. Der Mittelfeldspieler war 1966 zu Borussia Neunkirchen gekommen und spielte in der Aufstiegsrunde 1967 achtmal für den Verein. Nach dem Aufstieg folgten in der Saison 1967/68 insgesamt 23 Bundesligaspiele.
Sein einziges Bundesligator erzielte Hermesdorf gleich am ersten Spieltag. Borussia trat am 19. August 1967 beim 1. FC Kaiserslautern an. In der 84. Minute traf Hermesdorf zum 1:2-Endstand.
Sportlich konnte sich Neunkirchen allerdings nicht in der Liga halten. Bereits nach dieser Saison stieg der Verein wieder ab. Das letzte Bundesligaspiel im Ellenfeld fand am 18. Mai 1968 statt; Borussia verlor gegen den VfB Stuttgart mit 0:5. Damit endete die Bundesliga-Geschichte des Stadions – und seine Baugeschichte wurde dadurch möglicherweise gerettet.
Warum so viel vom Ellenfeld erhalten blieb
Fast alle großen Fußballstadien dieser Zeit wurden in den folgenden Jahrzehnten mehrfach grundlegend umgebaut oder vollständig ersetzt. Neue Sicherheitsvorschriften, höhere Komfortansprüche, Fernsehübertragungen, VIP-Bereiche und wirtschaftliche Anforderungen veränderten die Arenen grundlegend. Das Santiago Bernabéu in Madrid ist dafür ein extremes Beispiel: Aus dem Stadion von 1947 wurde durch mehrere Umbauphasen eine Hightech-Arena mit beweglichem Dach und versenkbarem Spielfeld.
In Neunkirchen fehlte dieser dauerhafte Modernisierungsdruck. Borussia verschwand aus der Bundesliga und später auch aus der Zweiten Liga. Große Kapazitätserweiterungen oder komplette Neubauten waren damit weder sportlich noch wirtschaftlich notwendig.
Ganz unverändert blieb das Ellenfeld trotzdem nicht. 1988 wurden Bereiche der Stehränge saniert und Teile der Nordostseite zurückgebaut. 2002 folgte eine größere Sanierung der Haupttribüne. Dabei erhielt sie unter anderem eine neue Dacheindeckung und 2.309 rote Sitzschalen. Die grundlegende Stadionstruktur aus den Jahren 1964 und 1965 blieb jedoch erhalten.
Seit 2025 ist das Ellenfeld offiziell ein Denkmal
Am 14. Februar 2025 erklärte das saarländische Landesdenkmalamt das Ellenfeld zum Denkmal.
Geschützt wird dabei nicht einfach das gesamte Grundstück. Im Mittelpunkt stehen ausdrücklich die beim Bundesliga-Umbau 1964/65 entstandenen Bauteile: die umlaufenden vorderen Stehränge des Erdstadions, die Fankurve, die Haupttribüne und die Spieser Kurve.
Das Landesdenkmalamt begründet die Unterschutzstellung nicht allein mit der Fußballgeschichte. Es bescheinigt dem Ellenfeld auch einen architektonischen und ingenieurtechnischen Wert. Der Grund ist die ungewöhnlich vollständig erhaltene Bausubstanz. Nach aktuellem Kenntnisstand des Denkmalamts gibt es kein anderes Stadion aus den frühen Jahren der Bundesliga, das noch in vergleichbarer Weise seinen damaligen baulichen Zustand zeigt.
Das macht das Ellenfeld zu einem absoluten Sonderfall.
Denkmalschutz heißt nicht Stillstand
Ein Denkmal muss trotzdem weiter genutzt werden können. Genau darin liegt nun die nächste bauliche Aufgabe. Die Stadt Neunkirchen plant eine energetische, bauliche und barrierefreie Sanierung des Funktionsgebäudes. Dieses gehört allerdings nicht zum Kernbestand der denkmalgeschützten Bundesliga-Anlage.
Auch die historischen Tribünen bleiben unter Beobachtung. Ein bestehendes Gutachten bestätigte nach Angaben der Stadt die Standsicherheit des Stadions. Die Tribünen und Stehränge sollen dennoch erneut untersucht werden.
Andere Bereiche wurden bereits erneuert. 2025 erhielt das Ellenfeld für insgesamt rund 806.000 Euro ein neues Rasenspielfeld mit Beregnungsanlage. Der vorherige Platz stammte noch aus den 1960er-Jahren und war inzwischen so uneben, dass die Stadt eine Verletzungsgefahr sah.
Im September 2026 öffnete das Ellenfeld zum zweiten Mal zum Tag des offenen Denkmals seine Tore. Mehrere hundert Besucher nahmen nach Angaben des Vereins an Führungen und Veranstaltungen teil. Damit ist aus einem alten Fußballstadion kein Museum geworden. Im Ellenfeld wird weiterhin gespielt.
Beton, Fußball und eine persönliche Verbindung
Wer heute durch das Ellenfeld geht, sieht an vielen Stellen noch sehr direkt, wie ein Fußballstadion Mitte der 1960er-Jahre konstruiert wurde. Stützen, Betonstufen und Tragwerke werden nicht hinter Fassaden verborgen – die Konstruktion selbst prägt das Erscheinungsbild.
Vielleicht fasziniert mich das Stadion auch deshalb besonders, weil es zwei Dinge verbindet, die bei mir normalerweise getrennt nebeneinanderstehen: Fußball und Bautechnik.
Als Erich Hermesdorf bei uns in Horrenberg an der Seitenlinie stand, interessierte mich vor allem, wie wir am Wochenende unser Spiel gewinnen konnten. Dass unser Trainer selbst einmal vor zehntausenden Zuschauern Bundesliga gespielt hatte, war zwar bekannt. Welche Geschichte das Stadion hatte, in dem er damals auflief, wusste ich nicht. Heute interessiert mich fast genauso sehr, worauf er damals gespielt hat.
Quellen
- Kreisstadt Neunkirchen / Landesdenkmalamt, 17. Februar 2025: Ellenfeldstadion ist offiziell ein Denkmal – Denkmalwert, geschützte Bauteile, Standsicherheit und geplante Sanierungen.
- Borussia Neunkirchen: Vom beschaulichen Plätzchen im Grünen zur Bundesliga-Arena – historische Baudokumentation zum Umbau 1964/65 mit Erdarbeiten, Betonfertigteilen und Tribünenbau.
- Borussia Neunkirchen: Geschichte des Ellenfeldstadions – Entwicklung seit 1912, Zuschauerrekord, Bundesliga-Zeit und spätere Sanierungen.
- DFB Datencenter: Spielerprofil Erich Hermesdorf – Einsätze und Leistungsdaten für Borussia Neunkirchen, darunter 23 Bundesligaspiele und ein Tor.
- Kreisstadt Neunkirchen: Pressemitteilung zum Denkmalschutz des Ellenfeldstadions – ausführliche Angaben des Landesdenkmalamts zur Baugeschichte und zum baulichen Originalzustand.








