Im Maracanã wurde Deutschland 2014 Fußball-Weltmeister, während Brasilien dort 1950 eine seiner schwärzesten Stunden erlebte. Mario Götze wurde dort zum Helden einer ganzen Nation und Pelé schoss dort das tausendste Tor seiner Karriere. Kurzum: Es ist ein Stadion, in dem Triumphe und Tragödien nah beieinanderliegen wie bei kaum einer anderen Fußballarena auf der Welt. Vor allem hat das Maracanã aber auch eine spannende Baugeschichte, die wir uns in diesem Beitrag näher anschauen wollen.

Das erwartet Sie in diesem Beitrag
- Gebaut für die Fußball-Weltmeisterschaft 1950
- Die Tragödie von 1950 – der „Maracanaço“
- Nutzung in den Jahrzehnten danach
- Tragödien und technische Probleme
- Umbauten und Modernisierungen
- Der radikale Umbau für die WM 2014
- Das neue Dach – Know-how aus Deutschland
- Proteste und soziale Konflikte
- Nicht alle ertragen den neuen Anblick
- Fußballgeschichten, die bleiben
- Nach Olympia 2016 verfällt das Stadion
- Ein Bauwerk zwischen Tradition und Moderne
Gebaut für die Fußball-Weltmeisterschaft 1950
Als Brasilien 1946 den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft 1950 bekam, war klar: Ein neues Stadion musste her. Geplant war eine Arena für 200.000 Menschen – ein modernes Kolosseum für das Land, das sich als Fußballnation präsentieren wollte.
Acht brasilianische Architekten erarbeiteten die Pläne. Das Ziel: Jede Zuschauerin und jeder Zuschauer sollte freie Sicht auf das Spielfeld haben. Der Bau begann 1948 auf dem Gelände einer stillgelegten Pferderennbahn.
So entstand innerhalb von 2 Jahren ein Betonkoloss
Die Grundsteinlegung erfolgte am 2. August 1948. Von Anfang an stand das Projekt unter enormem Zeitdruck. In nur zwei Jahren musste ein Bauwerk entstehen, das nicht nur den Ansprüchen der FIFA, sondern auch dem nationalen Stolz Brasiliens gerecht werden sollte.
Mehr als 10.000 Arbeiter schufteten täglich auf der Baustelle. Insgesamt verbauten sie rund 500.000 Säcke Zement und 10.000 Tonnen Stahl. Für die Logistik kamen zeitweise sogar Soldaten und Lastwagen der brasilianischen Armee zum Einsatz.
Ovales Stadion mit Ober- und Unterring
Die Architekt entwarfen ein Stadion in ovaler Form mit einem Ober- und einem Unterring. Die Tribünen waren so angelegt, dass alle Zuschauenden freie Sicht auf das Spielfeld hatten – ein für die damalige Zeit fortschrittliches Konzept.
Doch viele Teile blieben unvollendet. Bei der Eröffnung fehlten Toiletten, eine Pressetribüne und zahlreiche Nebenanlagen. Trotzdem entschied die FIFA, das Stadion für die Weltmeisterschaft freizugeben. Das Eröffnungsspiel am 16. Juni 1950 fand deshalb in einer Arena statt, die noch eine große Baustelle war.
Erst 1965 – 17 Jahre nach der Grundsteinlegung – galt das Maracanã offiziell als fertiggestellt.
Die Tragödie von 1950 – der „Maracanaço“
Am 16. Juli 1950 fand hier das WM-Finale zwischen Brasilien und Uruguay statt. Nahezu 200.000 Menschen drängten sich auf die Tribünen – ein bis heute kaum übertroffener Wert. Brasilien ging in Führung, doch Uruguay drehte das Spiel. Endstand: 1:2.
Für Brasilien war es mehr als eine Niederlage. Es war ein Schock, der als „Maracanaço“ in die Geschichte einging. Der uruguayische Torschütze Alcides Ghiggia erinnerte sich später: „Nur drei Menschen haben das Maracanã zum Schweigen gebracht: der Papst, Frank Sinatra und ich.“
Nutzung in den Jahrzehnten danach
Nach der WM wurde das Maracanã zur Heimstätte der großen Vereine aus Rio – Flamengo, Fluminense, Vasco da Gama und Botafogo. Pokalendspiele, Länderspiele und legendäre Derbys lockten Hunderttausende an.
Der Zuschauerrekord liegt offiziell bei 183.513 Menschen. Er stammt aus dem Jahr 1954, beim Duell Brasilien gegen Paraguay. Das Stadion wurde erst 1965 endgültig fertiggestellt – 17 Jahre nach Baubeginn.
Das Maracanã war aber nie nur ein Ort für Fußball. Auch Konzerte weltbekannter Musiker wie Frank Sinatra, Paul McCartney oder Madonna fanden hier statt.
Tragödien und technische Probleme
Die Größe des Stadions brachte auch Risiken. Am 19. Juli 1992 stürzte ein Teil der Tribüne ein. Drei Menschen starben, 50 wurden verletzt. Danach wurden die Stehplätze abgeschafft, und die Kapazität sank deutlich.
1998 erklärte die Regierung das Maracanã zum nationalen Denkmal. Damit war klar: Ein Abriss kommt nicht infrage.
Umbauten und Modernisierungen
Seit den 1990er-Jahren wurde das Stadion mehrfach umgebaut. Die Arbeiten zur Jahrtausendwende senkten die Spielfläche ab und machten das Stadion moderner. Für die Panamerikanischen Spiele 2007 wurden weitere Sanierungen nötig.
Der wohl tiefgreifendste Umbau begann 2010 für die Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016. Nur die Außenmauern blieben stehen. Alles andere wurde neu gebaut.

Der radikale Umbau für die WM 2014
Für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 stand Brasilien unter enormem Druck. Die FIFA verlangte Stadien auf internationalem Standard. Für das Maracanã bedeutete das: nicht nur eine Renovierung, sondern ein kompletter Umbau.
Entkernung bis auf die Außenhülle
2010 begann der Abriss. Von dem alten Maracanã blieben praktisch nur die denkmalgeschützten Außenwände und die charakteristische ovale Form erhalten. Alles andere – Tribünen, Stehplätze, Dach – wurde entfernt.
Die wichtigsten Veränderungen:
- Die Spielfläche wurde von 110 × 75 Metern auf das FIFA-Maß 105 × 68 verkleinert.
- Die alten Betontribünen verschwanden. Neu errichtete Ränge rücken die Zuschauenden näher ans Spielfeld.
- Es entstanden 125 VIP-Logen mit jeweils 50 m², ausgestattet mit Bar, Bad und Terrasse.
- Die Kapazität sank von einst über 180.000 auf 78.838 Plätze.
Die Baukosten explodierten. Geplant waren etwa 600 Millionen Reais, am Ende lagen sie bei rund 1,2 Milliarden Reais – das entspricht ca. 460 Millionen Euro. Kritiker bemängelten, dass nahezu ausschließlich Steuergeld in das Projekt floss.
Das neue Dach – Know-how aus Deutschland
Einen entscheidenden Anteil am Umbau hatten deutsche Ingenieure. Das Stuttgarter Büro Schlaich Bergermann und Partner (sbp) entwarf das neue Dach.
Die Herausforderung: Die alte Bausubstanz von 1950 durfte nicht zu stark belastet werden. Zusätzliche Betonlasten wären unmöglich gewesen. Also setzten die Ingenieure auf eine leichte Membranstruktur, inspiriert vom Prinzip eines Fahrradrades.
Knut Stockhusen, der verantwortliche Ingenieur, erklärte: „Wenn man ein Rad ausbaut und es waagerecht hinlegt, ist es noch genauso stabil wie beim Fahren. Das liegt an der Vorspannung der Speichen, die Nabe und Felge zusammenhalten.“
Dieses Prinzip übertrugen sie auf das Stadion:
- Ein äußerer Druckring aus Stahlbeton umschließt die Konstruktion.
- Von dort spannen Stahlseile wie Speichen zur Mitte.
- Darauf ruht eine helle Dachmembran aus Glasfasergewebe, beschichtet mit Teflon.
Das Dach ragt 68 Meter ins Stadion hinein und schützt damit fast alle Plätze vor Regen und Sonne. Gleichzeitig ist es so leicht, dass die alte Bausubstanz nicht überlastet wird.
Die Seile wurden aus Deutschland und der Schweiz geliefert, der Druckring in Brasilien gefertigt. Sechs Monate dauerte allein die Herstellung der Bauteile.
Proteste und soziale Konflikte
Der Umbau stieß nicht nur wegen der Kosten auf Kritik. Viele Anwohner und Indigene protestierten gegen die Abrisse rund um das Stadion. Besonders um eine alte Villa, die zeitweise von indigenen Gruppen besetzt war, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Der Aktivist Carlos Tukano sagte damals: „Wir sind nicht gegen die Weltmeisterschaft. Wir sind gegen die Art, wie sie uns behandeln, ohne uns überhaupt zu fragen.“
Das „Dorf Maracanã“, wie die Besetzung genannt wurde, wurde schließlich geräumt. Die Villa blieb erhalten und sollte später zu einem Olympiamuseum werden.
Nicht alle ertragen den neuen Anblick
Viele Fans erkannten ihr Stadion nach dem Umbau nicht wieder. Der lebenslange Flamengo-Fan Francisco Moraes sagte beim ersten Besuch: „Ich musste weinen. Meine Knie zitterten. Ich ertrug den Anblick nicht. Was hatten sie mit unserem Maracanã gemacht?“
Früher konnte man für wenige Centavos ein Spiel besuchen. Nach dem Umbau kosteten Tickets im Schnitt 80 Reais, knapp 30 Euro. Für viele Cariocas – die Einwohner Rios – war das zu teuer.

Fußballgeschichten, die bleiben
Trotz aller Konflikte bleibt das Maracanã ein Ort legendärer Fußballmomente:
- Pelé erzielte hier 1969 sein 1000. Tor.
- Garrincha, Zico und Romário verzauberten Generationen.
- 2014 gewann Deutschland hier im WM-Finale 1:0 gegen Argentinien.
Auch der Tod fand seinen Platz im Maracanã: Als Garrincha 1983 starb, nahmen Tausende Fans am Sarg im Stadion Abschied.
Nach Olympia 2016 verfällt das Stadion
Nach den Olympischen Spielen 2016 in Rio verfällt das Stadion. Strom wurde abgestellt, Sitze gestohlen, der Rasen vertrocknete. Rechtsstreitigkeiten über die Zuständigkeit lähmten den Betrieb.
Erst als Flamengo und Fluminense sich zusammenschlossen, kehrte Stabilität zurück. Heute verwaltet die Gesellschaft „Fla-Flu S.A.“ das Stadion, mit einem Vertrag über 20 Jahre.
Ein Bauwerk zwischen Tradition und Moderne
Das Maracanã hat in seiner Geschichte immer wieder seine Gestalt verändert. Es begann als Betonkoloss für 200.000 Menschen. Heute ist es eine moderne Arena mit knapp 79.000 Plätzen.
Für viele Brasilianer ist es aber mehr als ein Bauwerk. „Es ist Teil unserer Identität und ein Symbol für die Geschichte der Stadt und des Weltfußballs“, sagt der Stadtforscher Gustavo Mehl.















