San Siro – eine Mailänder Legende biegt auf die Zielgerade ein

Von Dominik Hochwarth

Es gibt Stadien, die sind mehr als Beton, Stahl und Sitzschalen. Das San Siro in Mailand gehört dazu. Wer durch die Straßen der Modemetropole fährt, sieht schon von weitem die mächtigen Betontürme und das gewaltige Dach. Hier haben Generationen von Fans gelacht, geweint und gesungen. Hier wurde Fußballgeschichte geschrieben. Doch bald ist Schluss: Die Stadt hat den Weg für den Abriss frei gemacht.

San Siro
San Siro ist einer der berühmtesten Fußballtempel der Welt – bald könnte das Stadion Geschichte sein

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Wie alles begann – ein Stadion nur für Fußball

Die Geschichte des San Siro beginnt 1925. Piero Pirelli, Präsident des AC Mailand und Reifenunternehmer, wollte ein reines Fußballstadion bauen. Damals war das ungewöhnlich, viele Arenen hatten noch Laufbahnen für Leichtathletik. Ingenieur Alberto Cugini und Architekt Ulisse Stacchini entwarfen ein rechteckiges Stadion mit Platz für 35.000 Zuschauer.

Am 19. September 1926 war es soweit: Das Stadion wurde eröffnet – mit einem Derby zwischen Milan und Inter. Endstand: 6:3 für Inter. Ein würdiger Auftakt für eine Arena, die bald zur Fußballbühne Europas werden sollte.

Schon bald wuchs der Bau. 1935 kamen neue Kurven hinzu, die Kapazität stieg auf 55.000. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Stadion Heimstätte beider Vereine – ein bis heute einzigartiger Fall im europäischen Fußball.

Ausbau zur Fußballkathedrale

Die 1950er-Jahre brachten den großen Sprung. 1955 wurde ein zweiter Ring gebaut, das Fassungsvermögen stieg auf über 85.000 Plätze. Später sollten es sogar über 100.000 werden. Eine Flutlichtanlage kam hinzu, Nachtspiele waren nun möglich.

Der Name San Siro blieb lange, bis das Stadion 1980 zu Ehren von Giuseppe Meazza umbenannt wurde. Meazza war ein Stürmeridol, spielte für beide Vereine und wurde mit Italien zweimal Weltmeister. Offiziell heißt die Arena seitdem Stadio Giuseppe Meazza. Aber für die meisten bleibt es einfach das San Siro.

Detail des Daches
Gewaltige Stahlträger tragen das transparente Dach

Der große Umbau für die WM 1990

Ende der 1980er-Jahre brauchte Italien neue Fußballbühnen für die Weltmeisterschaft 1990. Architekten und Ingenieure setzten beim San Siro auf Größe und Sichtbarkeit. Ein dritter Ring kam hinzu. Elf spiralförmige Betontürme tragen seitdem das Dach, vier von ihnen ragen markant aus dem Bau heraus. In den Türmen sind Aufgänge, Bars und Toiletten untergebracht.

Die Konstruktion gilt bis heute als Meisterstück. Die neuen Tribünen wurden mit vorgespannten Betonträgern errichtet, die auf den Türmen ruhen. Das ermöglichte steile Sitzreihen mit einem Winkel von rund 37 Grad – so haben auch Zuschauer ganz oben eine klare Sicht auf den Rasen.

San Siro / Stadio Giuseppe Meazza – Fakten kompakt

Ort: Mailand (Stadtteil San Siro), Italien

Eröffnung: 19. September 1926 (Eröffnungsderby: Inter – Milan 6:3)

Ursprüngliche Planung: Stadion nur für Fußball, ca. 35.000 Plätze

Architektur (Historie): Alberto Cugini & Ulisse Stacchini (1925/26); Erweiterungen u. a. 1954/55 (2. Rang), 1989/90 (3. Rang mit 11 Türmen)

Kapazität (heute): ca. 75.000 Plätze

Spitzname: „La Scala del Calcio“

Nutzung: Heimstätte von AC Milan & Inter Mailand (gemeinsames Stadion)

Besonderheiten: 11 spiralförmige Betontürme; vier Türme tragen das Dach; farblich getrennte Sektoren (rot/orange – Längsseiten; blau/grün – Kurven)


Große Turniere & Spiele: WM 1934 & 1990 (Eröffnungsspiel 1990: Kamerun – Argentinien 1:0), EM 1980, Champions-League-Finals 2001 & 2016

Deutsche Momente: Bayern gewinnt 2001 CL (n.E. vs. Valencia); Schalke 1997 UEFA-Cup (n.E. vs. Inter); DFB-Team bestreitet fünf WM-1990-Spiele in Mailand


Aktueller Status: Verkauf des Areals (28 ha) an AC & Inter beschlossen; Kaufpreis 197 Mio. €

Geplanter Neubau: ca. 71.500 Plätze; Architekt: Foster + Partners & Manica; veranschlagte Kosten ca. 1,2 Mrd. €; Ziel: Eröffnung 2031

Zwischenetappen: Eröffnungszeremonie der Winterspiele 2026 im bestehenden Stadion; rechtliche Schritte gegen den Verkauf möglich

Das Dach besteht aus einem Stahlfachwerk mit transparenten Elementen. Dadurch wirkt es trotz seiner Masse erstaunlich leicht, lässt Tageslicht herein und schützt gleichzeitig die Ränge.

Auch die Farbtrennung der Tribünen wurde eingeführt: rot und orange auf den Längsseiten, blau und grün in den Kurven. Rund 85.000 Sitzplätze gab es nun – alle überdacht, das Spielfeld blieb frei.

Das WM-Eröffnungsspiel 1990 wurde hier ausgetragen: Kamerun besiegte Argentinien 1:0. Ein Sensationssieg, der ins Gedächtnis der Fußballwelt eingebrannt ist.

La Scala del Calcio – das Opernhaus des Fußballs

Italiener lieben große Worte. Das San Siro wird oft „La Scala del Calcio“ genannt – das Opernhaus des Fußballs. Wer je ein Derby della Madonnina miterlebt hat, weiß warum. Wenn AC und Inter aufeinandertreffen, bebt das Stadion. Pyrotechnik, Gesänge, Choreografien – es wirkt wie eine Aufführung mit zehntausenden Mitwirkenden.

Auch international ist San Siro ein Mythos. Viermal fanden hier Endspiele im Europapokal statt. 2001 gewann Bayern München das Finale gegen Valencia, Oliver Kahn hielt drei Elfmeter. „Kahn, die Bayern!“ schrie Marcel Reif damals ins Mikrofon – ein Satz, der in Deutschland unvergessen ist.

San Siro von innen
San Siro von innen – die Tifosi verwandeln das Stadion regelmäßig in einen Hexenkessel

San Siro und die deutsche Fußballgeschichte

Für deutsche Fans hat das Stadion eine besondere Bedeutung. 1990 spielte die Nationalmannschaft fünf ihrer sieben WM-Partien hier – vom Auftakt bis zum Viertelfinale. „Für mich war San Siro unser Heimstadion bei der WM“, sagte Pierre Littbarski später. Das lag auch daran, dass drei deutsche Stars damals bei Inter unter Vertrag standen: Andreas Brehme, Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann.

Auch Vereinsmannschaften erlebten hier ihre Sternstunden. Schalke 04 holte 1997 den UEFA-Cup gegen Inter. Bayern gewann 2001 die Champions League, wie bereits geschrieben.

Architektur mit Wiedererkennungswert

San Siro war nie ein filigraner Bau. Es ist ein Stadion, das zeigen will: Hier geht es um Masse, um Fußball pur. „Das Stadion hat keine Laufbahn, keine offenen Stellen, erzeugt also trotz seiner Größe ein Gefühl von Nähe“, erinnert sich Littbarski.

Die Erweiterungen machten das Stadion zu einer Art architektonischer Schichtung. Manche vergleichen es mit einer russischen Matrjoschka-Puppe: Jede Ausbaustufe legte sich wie eine Hülle um die bestehende Konstruktion. Das brachte einen wuchtigen Ausdruck – und jede Menge Herausforderungen in der Statik und Instandhaltung.

Die spiralförmigen Rampen sind nicht nur optisches Markenzeichen, sie lenken auch den Strom der Zuschauer. Wer sich nach einem Derby im Kreis hinauswindet, erlebt fast ein optisches Täuschungsgefühl.

San Siro Stadion von außen
Dieser Anblick könnte bald Geschichte sein – AC und Inter Mailand planen einen Abriss von San Siro

Politik, Geld und Zukunft

Doch die Zeit hat Spuren hinterlassen. Der Unterhalt ist teuer, die Einnahmen bleiben hinter modernen Arenen zurück. Während Arsenal im Emirates Stadium 112 Millionen Euro pro Jahr verdient, kamen Milan und Inter 2018 gemeinsam auf nur 35 Millionen.

Schon lange wurde über einen Neubau diskutiert. Ende September 2025 fiel die Entscheidung: Die Stadt Mailand verkauft das Stadiongelände an beide Vereine. Der Preis: 197 Millionen Euro. Die Pläne sehen ein neues Stadion für 71.500 Zuschauer vor, entworfen von Foster + Partners und Manica. Kostenpunkt: 1,2 Milliarden Euro. Fertigstellung: 2031.

Der Verkauf war umstritten. In einer elfstündigen Sitzung mit 239 Änderungsanträgen gab es viele Gegenstimmen. Die Opposition hält den Preis für zu niedrig. Manche wollten das Stadion unter Denkmalschutz stellen. Doch am Ende setzte sich die wirtschaftliche Logik durch.

Ein Denkmal, das bald fällt

Viele Fans tun sich schwer mit dem Abschied. Das Stadion ist Teil ihrer Identität. „Mit dem Stadion wird man schnell warm. Man bekommt sofort Lust, darin zu spielen“, sagt Littbarski. Solche Sätze zeigen, dass San Siro mehr ist als Beton und Stahl.

Wenn das Dach fällt und die Türme verschwinden, geht nicht nur eine Ära des italienischen Fußballs zu Ende. Es geht ein Stück europäischer Fußballkultur verloren.

Doch vielleicht bleibt der Geist. Vielleicht lebt San Siro weiter – in Geschichten, Erinnerungen, Bildern. So wie ein altes Opernhaus, das irgendwann schließt, aber in den Herzen seiner Besucher weiterklingt.

San Siro – Zeitleiste

  • 1925/26: Bau auf Initiative von Piero Pirelli, Eröffnungsspiel am 19.09.1926 (Inter – Milan 6:3)
  • 1935: Erste Erweiterung, Kapazität steigt auf 55.000 Plätze
  • 1955: Bau des zweiten Rings, Stadion fasst über 85.000 Zuschauer
  • 1957: Installation von Flutlichtanlagen für Abendspiele
  • 1980: Umbenennung in Stadio Giuseppe Meazza zu Ehren des Mailänder Fußballidols
  • 1989/90: Komplettumbau für die WM 1990 – dritter Ring, elf spiralförmige Türme, neues Dach
  • 1990: WM-Eröffnungsspiel: Kamerun schlägt Argentinien 1:0
  • 2001: Champions-League-Finale: Bayern München gewinnt gegen Valencia (n.E.)
  • 2016: Champions-League-Finale: Real Madrid besiegt Atlético Madrid (n.E.)
  • 2025: Stadtrat beschließt Verkauf an AC & Inter – Weg frei für Abriss
  • 2026: Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in San Siro
  • 2031 (geplant): Fertigstellung des neuen Stadions für 71.500 Zuschauer

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