Wie Stonehenge in der Steinzeit ohne Maschinen entstand

Von Dominik Hochwarth

Stonehenge ist eines der eindrucksvollsten Monumente der Menschheitsgeschichte. Die steinernen Kreise auf der Salisbury Plain im Süden Englands ziehen seit Jahrhunderten Forschende, Baukundige und Architekturliebhaber an. Kaum ein anderes Bauwerk steht so sehr für die Frage: Wie schafften es Menschen ohne moderne Technik, Maschinen oder Metallwerkzeuge, tonnenschwere Steine zu bearbeiten, zu transportieren und millimetergenau aufzurichten?

Neue Forschungsergebnisse, praktische Experimente und ein besseres Verständnis der Bauphasen liefern heute ein klareres Bild. Und dieses Bild zeigt: Der technische Einfallsreichtum der prähistorischen Erbauer war größer, als lange angenommen wurde

Stonehenge in England
Wie konnte Stonehenge von Menschenhand gebaut werden?

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Das Wichtigste in Kürze

  • Bauzeit: Stonehenge wurde über einen Zeitraum von mindestens 1500 Jahren, beginnend um 3100 v. Chr., in mehreren Phasen errichtet und genutzt.
  • Baumaterialien: Die Erbauer nutzten zwei Gesteinsarten: große Sarsensteine (bis zu 50 Tonnen schwer) aus Marlborough (etwa 30 km entfernt) und kleinere Blausteine (ca. 4 Tonnen schwer) aus den Preseli-Bergen in Wales (etwa 250 km entfernt).
  • Transportleistung: Der Transport der tonnenschweren Steine über Land und Wasser war eine enorme logistische Herausforderung, die auf komplexe organisatorische Strukturen hindeutet.
  • Bauweise: Die monumentalen Steinsetzungen in Form von Kreisen und Hufeisen wurden mit Techniken aus dem Holzbau errichtet (Zapfen- und Nut-Feder-Verbindungen).
  • Zweck: Der genaue Zweck ist unklar, aber die Anlage diente als Begräbnisstätte, Kult-Ort und war exakt auf die Sonnenwende ausgerichtet (astronomische Funktion).
  • Neueste Theorien: Forschende vermuten, dass die Blausteine von einem älteren walisischen Steinkreis, Waun Mawn, stammen könnten und die Vorfahren der Erbauer symbolisierten.

Bauprojekt über viele Generationen

Der Beginn von Stonehenge liegt rund 5000 Jahre zurück. Die Anlage entstand nicht in einem einzigen Bauabschnitt, sondern entwickelte sich über mindestens 1500 Jahre weiter. Die ersten Spuren einer Nutzung des Ortes reichen sogar bis in die Mittelsteinzeit zurück. Pfostenlöcher, Feuerstellen und Reste von Brandbestattungen zeigen, dass der Platz schon um 8000 v. Chr. eine besondere Bedeutung hatte.

Die erste Bauphase: Erdwall, Graben und Orientierung

Um 3100 v. Chr. entstand ein kreisförmiger Erdwall mit einem vorgelagerten Graben. Die Öffnung im Nordosten lässt vermuten, dass die Ausrichtung des Bauwerks schon damals wichtig war. Innerhalb des Kreises lagen 56 Gruben, die sogenannten Aubrey-Löcher. Viele von ihnen enthielten Urnen oder Reste von Feuerbestattungen. Stonehenge war also von Anfang an nicht nur ein Versammlungsort, sondern auch eine Begräbnisstätte.

Veränderungen und erste Holzkonstruktionen

In der Zeit danach, bis etwa 2500 v. Chr., könnten auf dem Gelände Holzpfosten oder Holzkonstruktionen gestanden haben. Funde von Pfostenlöchern deuten darauf hin. Die Nutzung des Ortes wandelte sich, aber der Platz blieb über Jahrhunderte bedeutend.

Der entscheidende Schritt: Die Steine kommen

Die dritte Bauphase markiert den Wandel von einer Erdanlage zu dem Monument, das wir heute kennen. Ab etwa 2600 v. Chr. begannen die Erbauer, große Steine – Megalithen – aufzustellen. Dafür nutzten sie zwei deutlich unterschiedliche Gesteinsarten, die sie aus verschiedenen Regionen heranschafften.

Sarsensteine: 50 Tonnen schwere Giganten aus der Region

Die größten Steine bestehen aus Sarsen, einem extrem harten Sandstein. Diese Blöcke bilden:

  • den äußeren Steinkreis von etwa 30 Metern Durchmesser
  • das innere Hufeisen aus fünf monumentalen Trilithen

Ein Trilith besteht aus zwei aufrechten Steinen und einem waagerechten Deckstein.

Die Sarsensteine wiegen zwischen 25 und 50 Tonnen. Geochemische Untersuchungen von 2020 haben gezeigt, dass sie aus der Region um Marlborough stammen – rund 30 Kilometer entfernt. Das ist keine unüberwindbare Entfernung, aber eine enorme logistische Herausforderung, wenn man bedenkt, dass die Erbauer nur Holz, Seile, Steingeräte und menschliche Arbeitskraft zur Verfügung hatten.

Blausteine: Eine Reise über 250 Kilometer

Noch erstaunlicher ist der Transport der Blausteine. Sie sind kleiner als die Sarsensteine, aber immerhin rund vier Tonnen schwer. Ihre Herkunft liegt in den Preseli-Bergen in Wales – über 250 Kilometer entfernt. Lange war unklar, ob die Steine durch Gletscher in die Region gelangten. Heute gilt: Sie wurden bewusst dorthin gebracht.

Der Transportweg bleibt ein Rätsel. Viele Forschende gehen von einer Kombination aus Land- und Wasserwegen aus. Experimente deuten darauf hin, dass sowohl Rollen auf Holzbalken als auch Transporte auf Booten denkbar sind. Ein Nachbau eines bronzezeitlichen Bootes sank im Bristolkanal, doch ein späteres Experiment zeigte, dass die damaligen Boote durchaus eine Chance gehabt hätten, die schweren Steine zu transportieren.

Stonehenge aus der Nähe
Die großen Steine wiegen bis zu 50 Tonnen

Wie man tonnenschwere Steine ohne Maschinen bewegt

Praktische Experimente und archäologische Funde zeigen, dass der Transport vermutlich auf mehreren einfachen Prinzipien beruhte:

1. Rollen und Schienen

Die wahrscheinlichste Methode ist das Ziehen der Steine über Rundhölzer. Dazu rollte der Stein von einem Holzstamm zum nächsten. Die Stämme wurden vorne ständig neu positioniert. Auch Schienensysteme aus glatten Balken funktionierten in Experimenten gut.

2. Hebeltechnik

Hebel gehören zu den ältesten Werkzeugen der Menschheit. Mit langen Holzstangen lässt sich ein Stein schrittweise anheben und bewegen.

3. Transport per Wasser

Flüsse wie der Avon könnten genutzt worden sein, um Strecken zu verkürzen und Kraft zu sparen. Ein gut beladenes Boot oder Floß hätte den Transport erleichtert, allerdings nur mit stabiler Konstruktion.

Das Aufrichten: Wie die steinernen Kreise entstanden

Nachdem die Steine am Bauplatz angekommen waren, begann der technisch anspruchsvollste Teil: das Errichten der Kreise und das präzise Aufsetzen der Decksteine.

Fundamentgruben und Ausrichtung

Die Bauleute gruben tiefe Fundamentlöcher, kippten den Stein hinein und zogen ihn mithilfe von Seilen und Holzrahmen auf. Dann zogen sie ihn mit Erde oder Holzstützen Schritt für Schritt in die Senkrechte. Interessant ist, dass die sichtbaren Steinoberkanten trotz des leicht abfallenden Geländes eine einheitliche Höhe ergeben. Das bedeutet: Die Erbauer hatten einfache, aber effektive Messmethoden für Höhenunterschiede.

Rampen aus Erde

Für die Decksteine gibt es zwei gängige Theorien:

  • Rampen aus Erde, über die man die Steine nach oben zog
  • Holzplattformen, die schrittweise erhöht wurden

Beide Methoden wurden erfolgreich nachgestellt.

Zimmermannstechnik in Stein

Besonders beeindruckend ist die Verbindungstechnik. Die waagerechten Steine besitzen Löcher, die genau auf Zapfen an den senkrechten Steinen passen. Diese Verbindungen funktionieren ähnlich wie Nut und Feder im Holzbau und verhindern ein Verrutschen.

Der Einsatz dieser Technik zeigt, dass die Erbauer über ausgefeilte Kenntnisse in Holzbearbeitung verfügten – und diese konsequent auf Stein übertrugen.

Stonehenge von oben
Um Stonehenge ranken sich zahlreiche Mythen

Neue Theorie: Wurden die Blausteine umgesetzt?

Eine viel diskutierte aktuelle Theorie geht davon aus, dass die Blausteine ursprünglich in einem anderen Steinkreis standen – in Waun Mawn in Wales. Dieser ältere Kreis weist ähnliche Maße und eine ähnliche Ausrichtung zur Sonne auf wie Stonehenge. Einige Indizien sprechen dafür, dass die Steine dort abgebaut und später nach England transportiert wurden.

Ein Stein in Stonehenge passt exakt in das Profil eines ehemaligen Steinsockels in Waun Mawn. Auch Bodenproben stimmen überein. Die Theorie ist nicht bewiesen, aber sie gewinnt an Akzeptanz.

Wofür Stonehenge gebaut wurde

Es gibt mehrere plausible Erklärungen, die sich nicht gegenseitig ausschließen:

  • Begräbnisort: Die frühen Phasen zeigen eine klare Nutzung als Bestattungsplatz.
  • Kalender und astronomische Orientierung: Stonehenge ist so ausgerichtet, dass zur Sommersonnenwende die Sonne exakt über dem Eingangspunkt aufgeht. Zur Wintersonnenwende geht sie auf der gegenüberliegenden Seite unter. Das deutet auf eine Funktion als Kalender hin.
  • Ort der Zusammenkunft: In der nahe gelegenen Siedlung Durrington Walls fanden Archäologen große Mengen an Tierknochen. Das spricht für Feste mit vielen Teilnehmern aus verschiedenen Regionen.
  • Ort der Erinnerung: Einige Forschende vermuten, die Blausteine hätten symbolische Bedeutung gehabt – möglicherweise im Zusammenhang mit Ahnenkult oder der Erinnerung an Verstorbene.

Ein Meisterwerk der prähistorischen Baukunst

Stonehenge zeigt eindrucksvoll, wozu Menschen mit einfachen Mitteln in der Lage sind. Die Kombination aus Planung, Organisation und handwerklichem Können war enorm. Rollen, Hebel, Rampen und sorgfältig bearbeitete Fundamentgruben reichten aus, um ein Monument zu schaffen, das seit Jahrtausenden Wind, Wetter und Zeit standhält.

Das Bauwerk beweist: Große technische Leistungen benötigen nicht zwingend moderne Maschinen – sondern kluge Ideen, Erfahrung und Zusammenarbeit.

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Wie lange dauerte der Bau von Stonehenge?

Die Errichtung und Umgestaltung von Stonehenge zog sich über einen sehr langen Zeitraum hin. Die erste Phase begann um 3100 v. Chr. Die Haupt-Bautätigkeit mit der Aufstellung der großen Sarsensteine fand etwa zwischen 2550 und 2100 v. Chr. statt. Das Monument wurde bis etwa 1400 v. Chr. genutzt und verändert. Forschende rechnen mit bis zu 20 Millionen Mannarbeitsstunden für die letzte Version.

Woher stammen die Steine von Stonehenge?

Es wurden zwei Gesteinsarten verwendet:

  • Sarsensteine (groß, bis zu 50 Tonnen): Stammen aus einem Steinbruch bei Marlborough, etwa 30 Kilometer nördlich von Stonehenge.
  • Blausteine (kleiner, ca. 4 Tonnen): Stammen aus den Preseli-Bergen im Westen von Wales, etwa 250 Kilometer entfernt.

Welchen Zweck erfüllte Stonehenge?

Der genaue Zweck ist unbekannt, aber es existieren mehrere Hypothesen. Stonehenge diente als Begräbnisstätte und Kult-Ort. Es war exakt auf die Sonnenwende ausgerichtet und hatte somit eine astronomische Funktion, möglicherweise als Kalender. Neueste Forschungen legen nahe, dass es auch ein multikultureller Versammlungs- und Feierort sowie eine Gedenkstätte für die Vorfahren der Erbauer war.

Wurden beim Bau von Stonehenge moderne Techniken verwendet?

Nein, der Bau erfolgte in der Jungsteinzeit und Bronzezeit ohne moderne Maschinen. Die Erbauer nutzten jedoch hochentwickelte, aus dem Holzbau übernommene Techniken wie Zapfen- und Nut-Feder-Verbindungen, um die Stabilität der Steinkonstruktionen zu gewährleisten. Der Transport der tonnenschweren Steine erfolgte mutmaßlich mithilfe von Holzrollen, Schlitten und Hebeln über Land und Wasser.

Könnte Stonehenge aus Wales stammen?

Eine aktuelle Theorie besagt, dass zumindest ein Teil der Blausteine von einem älteren walisischen Steinkreis, Waun Mawn, stammt, der vor etwa 5.000 Jahren von seinen Erbauern abgebaut wurde. Die Forschenden vermuten, dass die wandernden Steine ihre Vorfahren symbolisierten und mitgenommen wurden, als die Menschen in die Salisbury Plain umsiedelten.

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