Antike Baukunst: Die größten Amphitheater der Welt

Von Dominik Hochwarth

Römische Amphitheater gehören zu den anspruchsvollsten Ingenieurbauten der Antike. Sie mussten zehntausende Menschen aufnehmen, Lasten aus Stein und Beton tragen, schnelle Zu- und Abgänge ermöglichen und zugleich Sichtlinien sowie Akustik sicherstellen. Trotzdem ist die scheinbar einfache Frage „Welches Amphitheater war das größte?“ überraschend schwer zu beantworten.

Der Grund liegt nicht im Mangel an Bauwerken, sondern in der unsicheren Datenlage. Kapazitäten wurden selten schriftlich überliefert, viele Anlagen sind nur fragmentarisch erhalten, und moderne Rekonstruktionen beruhen oft auf Annahmen. Dieser Beitrag ordnet die größten bekannten Amphitheater methodisch sauber ein – mit klarer Trennung zwischen belegten Fakten und plausiblen Schätzungen.

amphitheater pula 1

Das erwartet Sie in diesem Beitrag

Nach welchen Kriterien lässt sich „Größe“ bestimmen?

Für einen technischen Vergleich kommen im Wesentlichen drei Größen infrage:

  1. Zuschauerkapazität
    Die wichtigste, aber zugleich unsicherste Kennzahl. Sie hängt von Sitzbreite, Anzahl der Ränge, Stehplätzen und sozialer Gliederung ab.
  2. Außenabmessungen und Bauvolumen
    Gut messbar, aber kein direkter Indikator für die tatsächliche Nutzkapazität.
  3. Erhaltungsgrad
    Je besser der Bau erhalten ist, desto zuverlässiger lassen sich Rekonstruktionen durchführen.

In diesem Beitrag erfolgt die Einordnung primär nach der maximal plausiblen Zuschauerzahl, ergänzt durch Abmessungen und bauliche Merkmale. Wo Zahlen unsicher sind, wird das ausdrücklich kenntlich gemacht.

Rang*AmphitheaterOrtAußenmaße (ca.)Geschätzte Kapazität
1KolosseumRom189 × 156 m50.000–65.000 (teils höher)
2Amphitheater von CapuaCapua~170 × 140 mbis ~50.000 (unsicher)
3Amphitheater von KarthagoKarthagounbekanntbis ~50.000 (rekonstruiert)
4Amphitheater von El DjemEl Djem148 × 122 m~35.000
5Arena von VeronaVerona139 × 109 m~30.000
6Arena von NîmesNîmes133 × 101 m~24.000
7Arena von ArlesArles136 × 107 m~20.000
8Amphitheater von PozzuoliPozzuolisehr großunbekannt
9Amphitheater von ItalicaSantiponce~156 × 134 m~25.000
10Amphitheater von PulaPula132 × 105 m~20.000

*Rang = archäologisch plausibel, nicht absolut.Amphitheater #1: Colosseum, Rom

Amphitheater #1: Kolosseum (Rom)

Das Kolosseum ist der technisch ausgereifteste Arenabau der Antike. Errichtet wurde es unter den Flavierkaisern Vespasian und Titus auf zuvor sumpfigem Gelände – allein die Fundamentierung war eine ingenieurtechnische Herausforderung. Die Römer setzten auf ein ringförmiges Fundament aus römischem Beton (opus caementicium), das Lasten gleichmäßig verteilte.

Der Baukörper kombiniert Travertin, Tuff und Ziegelbeton. Die Tragstruktur basiert auf einem radialen Gewölbesystem, das enorme Zuschauerlasten aufnehmen konnte. Besonders innovativ war das Hypogäum unter der Arena: ein mehrstöckiges System aus Gängen, Käfigen, Aufzügen und Gegengewichten. Über 60 Hebevorrichtungen konnten Tiere oder Kulissen innerhalb weniger Sekunden auf die Arena befördern.

Ingenieurtechnisch herausragend war auch das Zugangssystem: 80 nummerierte Eingänge erlaubten es, zehntausende Menschen in kurzer Zeit ein- und auszulassen – ein Prinzip, das heutigen Stadionnormen entspricht.

Coloseum in Rom
Das Coloseum in Rom ist das größte jemals erbaute Amphitheater

Technische Daten – Kolosseum

  • Bauzeit: 72–80 n. Chr.
  • Bauform: freistehende Ellipse
  • Außenmaße: ca. 189 × 156 m
  • Höhe: ca. 48 m
  • Tragwerk: Travertinpfeiler, Gewölbe aus opus caementicium
  • Geschätzte Kapazität: 50.000–65.000 Personen
  • Besonderheiten: Hypogäum, 80 Eingänge, Velarium (Sonnensegel)

Amphitheater #2: Capua

Das Amphitheater von Capua entstand vermutlich im 1. Jahrhundert n. Chr. und wurde später mehrfach erweitert. In der Kaiserzeit gehörte Capua zu den reichsten Städten Italiens, was sich im monumentalen Maßstab des Baus widerspiegelt.

Die Konstruktion folgt dem klassischen römischen Schema: massive Außenmauern, dazwischen ein Geflecht aus Tonnen- und Kreuzgewölben. Besonders auffällig ist das stark ausgebaute Untergeschoss, das dem des Kolosseums ähnelt, jedoch weniger gut erhalten ist.

Capua gilt als eines der größten Amphitheater, doch der hohe Zerstörungsgrad erschwert genaue Rekonstruktionen. Viele Steine wurden im Mittelalter als Baumaterial wiederverwendet. Ingenieurtechnisch belegt der Bau jedoch, dass Großamphitheater kein exklusives Phänomen Roms waren.

Amphitheater Capua
Eines der ältesten Amphitheater der Römer und Vorbild für das Colosseum steht in Capua

Technische Daten – Capua

  • Bauzeit: 1.–2. Jh. n. Chr.
  • Bauform: freistehend
  • Außenmaße: ca. 170 × 140 m
  • Tragwerk: Mauerwerk und Gewölbe
  • Geschätzte Kapazität: bis ca. 50.000 (unsicher)
  • Erhaltungszustand: stark ruinös

Amphitheater #3: Karthago

Das Amphitheater von Karthago ist heute kaum sichtbar, war aber in der römischen Kaiserzeit ein zentrales Monument der Provinz Africa Proconsularis. Der Bau wurde in den Fels eingetieft – eine Bauweise, die Material sparte und zugleich statische Vorteile bot.

Archäologische Spuren deuten auf radiale Stützmauern und in den Untergrund integrierte Zuschauerränge hin. Die Arena selbst lag deutlich unter dem antiken Straßenniveau. Diese Lösung reduzierte die notwendige Außenmauerhöhe erheblich.

Die schlechte Erhaltung ist kein Zeichen mangelnder Bauqualität, sondern Folge intensiven Steinraubs. Technisch zählt Karthago dennoch zu den größten Amphitheatern der Antike, auch wenn es in populären Rankings oft fehlt.

Amphitheater von Karthago
Wegen Steinklau ist das Amphitheater von Karthago kaum mehr sichtbar

Technische Daten – Karthago

  • Bauzeit: 2. Jh. n. Chr.
  • Bauform: teilversenkt
  • Außenmaße: nicht vollständig überliefert
  • Tragwerk: Fels, Stützmauern, Gewölbe
  • Geschätzte Kapazität: bis ca. 50.000 (rekonstruiert)
  • Erhaltungszustand: sehr schlecht

Amphitheater #4: El Djem

El Djem ist eines der eindrucksvollsten Beispiele römischer Ingenieurskunst außerhalb Italiens. Der Bau entstand im 3. Jahrhundert n. Chr. in einer vergleichsweise kleinen Stadt – ein Hinweis auf politische Repräsentation durch Monumentalarchitektur.

Das Amphitheater besteht fast vollständig aus Quaderstein, ohne Nutzung natürlicher Hanglagen. Dadurch mussten die Römer ein vollständiges Tragwerk errichten. Die Lastabtragung erfolgt über ein System aus konzentrischen Mauerringen und radialen Gewölben.

Bemerkenswert ist, dass El Djem trotz seiner Größe nie vollständig fertiggestellt wurde. Dennoch zeigt der Bau, wie römische Baumeister auch ohne Beton massive Steinbauten effizient stabilisieren konnten.

Amphitheater El Djem
Das besterhaltene Amphitheater in Nordafrika steht in El Djem in Tunesien

Technische Daten – El Djem

  • Bauzeit: ca. 230 n. Chr.
  • Bauform: freistehend
  • Außenmaße: ca. 148 × 122 m
  • Tragwerk: Quaderstein, Gewölbe
  • Geschätzte Kapazität: ca. 35.000
  • Erhaltungszustand: sehr gut

Amphitheater #5: Verona

Die Arena von Verona ist ein Musterbeispiel für langlebige Bauweise. Sie wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. errichtet und hat Erdbeben, Umbauten und jahrhundertelange Nutzung überstanden.

Der Bau kombiniert römischen Beton im Kern mit sorgfältig bearbeiteten Steinverkleidungen. Die elliptische Form verteilt horizontale Kräfte gleichmäßig, was zur außergewöhnlichen Stabilität beiträgt.

Akustisch ist die Arena bis heute leistungsfähig – ein Nebeneffekt der Geometrie und der gestuften Sitzreihen. Aus ingenieurtechnischer Sicht ist Verona weniger durch Größe als durch Dauerhaftigkeit bemerkenswert.

Amphitheater Verona
In Verona steht eines der besterhaltenen Amphitheater der Römer

Technische Daten – Verona

  • Bauzeit: 1. Jh. n. Chr.
  • Bauform: freistehend
  • Außenmaße: ca. 139 × 109 m
  • Tragwerk: opus caementicium mit Steinverkleidung
  • Geschätzte Kapazität: ca. 30.000
  • Erhaltungszustand: exzellent

Amphitheater #6: Arena von Nîmes

Das Amphitheater von Nîmes entstand um 100 n. Chr. und zählt zu den am besten erhaltenen Arenen des römischen Reichs. Der Bau war über Jahrhunderte hinweg befestigte Wohnanlage, was paradoxerweise zu seiner Erhaltung beitrug.

Die Konstruktion basiert auf zweigeschossigen Arkaden mit tragenden Pfeilern, die Lasten effizient in den Untergrund leiten. Die innere Erschließung folgt einem klaren radialen Schema.

Ingenieurtechnisch zeigt Nîmes, wie flexibel Amphitheater genutzt werden konnten – ohne ihre strukturelle Integrität zu verlieren.

Amphitheater Nimes
Auch 2.000 Jahre nach dem Bau ist das Amphitheater Nimes in voller Pracht zu bewundern

Technische Daten – Nîmes

  • Bauzeit: ca. 100 n. Chr.
  • Bauform: freistehend
  • Außenmaße: ca. 133 × 101 m
  • Tragwerk: Arkaden mit Pfeilern
  • Geschätzte Kapazität: ca. 24.000
  • Erhaltungszustand: sehr gut

Amphitheater #7: Arena von Arles

Arles wurde gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. erbaut. Im Mittelalter wurde das Amphitheater zu einer Festung mit Türmen umgebaut – ein massiver Eingriff in die Statik.

Trotzdem blieb der Grundbau stabil. Das zeigt die hohe Redundanz der römischen Tragstruktur: Selbst bei Entfernung oder Überlastung einzelner Bauteile blieb das System standfest.

Arles ist ein Lehrbeispiel für robuste Konstruktion unter wechselnden Nutzungen.

 Arena von Arles
Die Arena von Arles ist noch heute eine stattliche Erscheinung

Technische Daten – Arles

  • Bauzeit: ca. 90 n. Chr.
  • Bauform: freistehend
  • Außenmaße: ca. 136 × 107 m
  • Tragwerk: Pfeiler, Gewölbe
  • Geschätzte Kapazität: ca. 20.000
  • Erhaltungszustand: gut

Amphitheater #8: Italica

Italica war die Heimatstadt der Kaiser Trajan und Hadrian. Entsprechend ambitioniert fiel der Amphitheaterbau aus. Die Arena liegt teilweise im Gelände, wodurch Erdanschüttungen zur Stabilisierung genutzt wurden.

Die Anlage besitzt eine große Grundfläche, jedoch geringere Höhe. Das spricht für eine flächige statt vertikale Bauweise, vermutlich aus Kostengründen.

Ingenieurtechnisch interessant ist die Kombination aus Erdstützen und Mauerwerk – eine Mischform zwischen freistehendem Bau und Hangtheater.

Amphitheater von Italica
Im Amphitheater von Italica konnten einst rund 25.000 Besucher den Spielen beiwohnen

Technische Daten – Italica

  • Bauzeit: 2. Jh. n. Chr.
  • Bauform: teilversenkt
  • Außenmaße: ca. 156 × 134 m
  • Tragwerk: Mauerwerk, Erdstützen
  • Geschätzte Kapazität: ca. 25.000
  • Erhaltungszustand: gut

Amphitheater #9: Pozzuoli

Pozzuoli besitzt das größte bekannte Hypogäum (das sind die unterirdischen Anlagen) eines Amphitheaters. Der oberirdische Bau ist weitgehend verloren, doch das Untergeschoss ist außergewöhnlich gut erhalten.

Die unterirdischen Räume bestehen aus römischem Beton mit Ziegelverkleidung und zeigen ein komplexes Netz aus Gängen, Rampen und Technikräumen. Hier zeigt sich die logistische Seite römischer Spiele.

Aus technischer Sicht ist Pozzuoli weniger wegen der Zuschauerzahl, sondern wegen seiner Infrastruktur bedeutend.

Amphitheater von Pozzuoli
Das Amphitheater von Pozzuoli gilt als das größe Hypogäum der Antike

Technische Daten – Pozzuoli

  • Bauzeit: 1.–2. Jh. n. Chr.
  • Bauform: freistehend (oberirdisch zerstört)
  • Tragwerk: römischer Beton, Ziegel
  • Geschätzte Kapazität: unbekannt
  • Besonderheit: größtes Hypogäum der Antike

Amphitheater #10: Pula

Das Amphitheater von Pula ist eines der wenigen, bei dem die äußere Hülle fast vollständig erhalten ist. Der Bau stammt aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. und wurde aus lokalem Kalkstein errichtet.

Besonders auffällig sind die vollständig erhaltenen Außentürme, die vermutlich als Lager- oder Treppentürme dienten. Die Arena steht frei im Gelände und zeigt exemplarisch den klassischen Aufbau eines mittelgroßen Amphitheaters.

Pula ist ein Referenzobjekt für den „Standardtyp“ römischer Arenabauten.

Amphitheater Pula
Das Amphitheater Pula wurde aus weißem Sandstein errichtet

Technische Daten – Pula

  • Bauzeit: 1. Jh. n. Chr.
  • Bauform: freistehend
  • Außenmaße: ca. 132 × 105 m
  • Tragwerk: Kalkstein, Gewölbe
  • Geschätzte Kapazität: ca. 20.000
  • Erhaltungszustand: sehr gut

Römische Amphitheater im heutigen Deutschland

Amphitheater von Trier

Das größte und wichtigste Amphitheater nördlich der Alpen. Trier war Kaiserresidenz und Provinzhauptstadt.

Kurzprofil

  • Bauzeit: Ende 1. Jh. n. Chr.
  • Bauform: teilversenkt
  • Geschätzte Kapazität: ca. 18.000
  • Besonderheit: ausgeprägtes Hypogäum
  • Bedeutung: einziges „Großstadt-Amphitheater“ in Germanien
Amphitheater Trier
Trier: Vom einst größten Amphitheater nördlich der Alpen, sind nur noch grüne Wälle zu sehen

Amphitheater von Xanten

Teil der Colonia Ulpia Traiana, einer planmäßig angelegten römischen Stadt.

Kurzprofil

  • Bauzeit: um 100 n. Chr.
  • Bauform: teilversenkt
  • Kapazität: ca. 10.000
  • Besonderheit: klare Stadtintegration
  • Bedeutung: ziviles Amphitheater in Provinzstadt
Amphitheater von Xanten
Das rekonstruierte Amphitheater von Xanten

Amphitheater von Künzing

Amphitheater eines Kastells, primär für Soldaten.

Kurzprofil

  • Bauzeit: 2. Jh. n. Chr.
  • Bauform: Erdwerk mit Holz-/Steinstrukturen
  • Kapazität: wenige Tausend
  • Besonderheit: militärischer Nutzbau
  • Bedeutung: Truppenunterhaltung, Ausbildung

Weitere bedeutende Amphitheater der Antike (Auswahl)

Italien

  • Amphitheater von Pompeji
    Eines der ältesten steinernen Amphitheater (70 v. Chr.); Übergang vom Erd- zum Steinbau.
  • Amphitheater von Alba Fucens
    Stark in den Hang integriert; frühes Beispiel topografisch optimierter Bauweise.
  • Amphitheater von Cumae
    Kombination aus Felsintegration und Mauerwerk; frühe römische Phase.
  • Amphitheater von Sutri
    Vollständig in den Tuff gehauen; Extremform des teilversenkten Typs.
Amphitheater Pompeji
Das Amphitheater Pompeji musste erst wieder ausgegraben werden

Gallien (heutiges Frankreich)

  • Amphitheater von Lyon
    Teil eines städtischen Komplexes; frühe Kaiserzeit.
  • Amphitheater von Autun
    Großzügige Dimensionen, starke Ausrichtung auf Stadtplanung.
  • Amphitheater von Fréjus
    Typischer Provinzbau mit klarer Modularität.
Amphitheater Merina
Im Amphitheater Merina finden heute wieder Kulturveranstaltungen statt

Iberische Halbinsel

  • Amphitheater von Mérida
    Teil eines UNESCO-geschützten Ensembles; Kombination aus Beton und Stein.
  • Amphitheater von Tarragona
    Direkt am Meer gelegen; teilweise in den Fels geschnitten.
  • Amphitheater von Córdoba
    Lange überbaut, erst spät freigelegt; große städtische Bedeutung.
Amphitheater Tarragona
Schauplatz grausamer Hinrichtungen: Amphitheater Tarragona

Balkan & Osteuropa

  • Amphitheater von Salona
    Zentrale Arena der Provinz Dalmatia; regionales Machtzentrum.
  • Amphitheater von Burnum
    Militärisch geprägter Bau nahe Legionslager.
Amphitheater Salona
Viel ist vom Amphitheater Salona nicht mehr übrig geblieben

Nordafrika & östlicher Mittelmeerraum

Amphitheater von Caesarea Maritima
Frühkaiserlicher Bau, später umgestaltet; Nähe zum Meer.

Amphitheater von Thysdrus
Neben dem großen El Djem existierten weitere Arenen kleinerer Maßstäbe.

Amphitheater von Lepcis Magna
Monumentaler Provinzbau in bedeutender Hafenstadt.

Vergleichsmatrix: Tragwerk, Bauform und Material der größten Amphitheater

AmphitheaterTragwerkBauformHauptmaterialienIngenieurtechnische Besonderheit
KolosseumRadiales Pfeiler-Gewölbe-System, RingfundamentFreistehende EllipseTravertin, Tuff, opus caementicium, ZiegelHochentwickelte Lastverteilung, komplexes Hypogäum
Amphitheater von CapuaMassive Gewölbekonstruktion, PfeilerachsenFreistehendKalkstein, Beton, ZiegelGroßdimensioniertes Untergeschoss, Nähe zum Kolosseum-Typ
Amphitheater von KarthagoStützmauern + FelsintegrationTeilversenktLokaler Stein, Fels, MauerwerkNutzung des Geländes zur statischen Entlastung
Amphitheater von El DjemQuaderbau mit radialen GewölbenVollständig freistehendSandstein-QuaderMonumentaler Steinbau ohne Betontragwerk
Arena von VeronaBetonkerne mit SteinverkleidungFreistehendOpus caementicium, KalksteinHohe Dauerhaftigkeit, exzellente Erdbebenresistenz
Arena von NîmesArkadenbau mit PfeilernFreistehendKalksteinSehr regelmäßige Lastführung, klare Erschließung
Arena von ArlesPfeiler-Gewölbe-SystemFreistehendKalkstein, MauerwerkHohe strukturelle Redundanz trotz Umbauten
Amphitheater von ItalicaKombination aus Mauerwerk und ErdstützenTeilversenktStein, Erde, BetonFlächige Bauweise statt vertikaler Höhe
Amphitheater von PozzuoliBetongewölbe, komplexes UntergeschossFreistehend (oberirdisch verloren)Opus caementicium, ZiegelGrößtes Hypogäum, Fokus auf Logistik
Amphitheater von PulaKlassisches Pfeiler-Gewölbe-SystemFreistehendKalksteinVollständig erhaltene Außenhülle, Standardtyp

Ingenieur-Typologie römischer Amphitheater

Römische Amphitheater folgen keinem Einheitsbauplan. Sie lassen sich jedoch klar in vier ingenieurtechnische Typen einordnen, die sich aus Gelände, Materialverfügbarkeit, Baukosten und politischem Anspruch ergeben.

Typ I: Monumentaler Freistehender Beton-Stein-Hybrid

(„Imperialer Hochleistungstyp“)

Konstruktionsprinzip

  • Vollständig freistehende Ellipse
  • Ringförmiges Fundament
  • Radiales Pfeiler-Gewölbe-System
  • Mehrgeschossiges Tragwerk
  • Aufwendige Unterkonstruktion (Hypogäum)

Materialien

  • Opus caementicium (römischer Beton)
  • Travertin / Kalkstein
  • Ziegel für Gewölbe

Ingenieurleistung

  • Maximale Skalierbarkeit
  • Hohe Redundanz
  • Präzise Lastverteilung
  • Schnelle Massenerschließung

Vorteile

  • Sehr große Kapazität möglich
  • Unabhängig vom Gelände
  • Höchste funktionale Kontrolle

Nachteile

  • Extrem material- und kostenintensiv
  • Hoher Bauaufwand
  • Lange Bauzeit

Referenzbauten

  • Kolosseum
  • Amphitheater von Capua

Dieser Typ definiert den technischen Höhepunkt römischer Arenaarchitektur.

Typ II: Monumentaler Steinbau ohne Betontragwerk

(„Massiv-Quader-Typ“)

Konstruktionsprinzip

  • Freistehende Ellipse
  • Tragwerk vollständig aus Stein
  • Radiale Mauern + Gewölbe
  • Kaum oder kein Beton

Materialien

  • Lokaler Quaderstein (Sandstein/Kalkstein)
  • Mörtelbindungen

Ingenieurleistung

  • Hohe Druckfestigkeit
  • Geringe Zugtoleranz → massive Dimensionierung
  • Statische Sicherheit durch Materialmenge

Vorteile

  • Sehr langlebig
  • Geringe Abhängigkeit von Betonrezepturen
  • Hohe Robustheit

Nachteile

  • Hoher Materialverbrauch
  • Weniger flexibel bei Umbauten
  • Begrenzte Unterkonstruktion

Referenzbau

  • Amphitheater von El Djem

Ingenieurleistung durch Masse statt Materialinnovation.

Typ III: Teilversenkter Gelände-Hybrid

(„Topografischer Effizienztyp“)

Konstruktionsprinzip

  • Arena teilweise in Boden/Fels eingetieft
  • Erdreich übernimmt horizontale Lasten
  • Reduzierte Außenmauerhöhen
  • Kombination aus Mauerwerk und Stützwänden

Materialien

  • Lokaler Stein
  • Erdanschüttungen
  • Teilweise Beton

Ingenieurleistung

  • Nutzung natürlicher Tragfähigkeit
  • Reduktion von Bauvolumen
  • Geringerer Materialbedarf

Vorteile

  • Kosteneffizient
  • Gute Standsicherheit
  • Schneller realisierbar

Nachteile

  • Standortabhängig
  • Eingeschränkte Erweiterbarkeit
  • Geringere Monumentalwirkung

Referenzbauten

  • Amphitheater von Karthago
  • Amphitheater von Italica

Ingenieurkunst durch Anpassung an die Landschaft.

Typ IV: Standardisierter Provinz-Arena-Typ

(„Robuster Serienbau“)

Konstruktionsprinzip

  • Freistehende Ellipse
  • Pfeiler-Gewölbe-System
  • Moderate Höhe
  • Kein oder kleines Hypogäum

Materialien

  • Lokaler Kalkstein
  • Teilweise Betonkerne

Ingenieurleistung

  • Hohe Wiederholbarkeit
  • Klare Modularität
  • Wartungsarm

Vorteile

  • Wirtschaftlich
  • Sehr langlebig
  • Gute Erschließung

Nachteile

  • Begrenzte Kapazität
  • Weniger spektakulär
  • Technisch weniger komplex

Referenzbauten

  • Arena von Verona
  • Arena von Nîmes
  • Arena von Arles
  • Amphitheater von Pula

Der funktionale Standard römischer Provinzarchitektur.

Sondertyp: Infrastruktur-dominierter Arena-Bau

(„Technik-unter-der-Arena-Typ“)

Konstruktionsprinzip

  • Fokus auf unterirdische Logistik
  • Komplexes Hypogäum
  • Oberbau sekundär

Referenzbau

  • Amphitheater von Pozzuoli

Belegt, dass Funktion manchmal wichtiger war als sichtbare Größe.

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