Ganz allgemein handelt es sich beim Fachwerk um eine Konstruktion aus Stäben, die nur auf Druck und Zug beansprucht werden. Ich möchte mich hier auf das Holzfachwerk von alten Fachwerkhäusern beschränken. So wie es bis ins 19. Jahrhundert über viele Jahrhunderte nördlich der Alpen vorherrschend war.

Was Fachwerk technisch ist – und was nicht
Ein Fachwerkgebäude ist ein Skelettbau. Tragend ist ausschließlich das Holzgefüge aus vertikalen, horizontalen und schrägen Hölzern. Die Zwischenräume – die Gefache – übernehmen keine statische Funktion.
Wichtig: Die oft zitierte Aussage „Fachwerk besteht aus Stäben, die nur auf Zug und Druck beansprucht werden“ ist nur eingeschränkt korrekt. Sie beschreibt idealisierte Fachwerkträger, nicht reale Fachwerkhäuser.
In der Praxis treten zusätzlich:
- Biegung (z. B. in Riegeln),
- Schub,
- Knotenkräfte aus Wind- und Horizontallasten
auf.
Fachwerk ist damit kein reines Stabtragwerk, sondern ein räumlich ausgesteiftes Holzskelett.
Zentrales Element: das Gefach
Der Begriff „Fachwerk“ erklärt sich erst mit dem Gefach:
- Gefache sind die nicht tragenden Felder zwischen den Hölzern.
- Historisch wurden sie mit Lehmwickeln, Strohlehm oder Ziegeln gefüllt.
- Ihre Aufgabe ist Witterungsschutz, Raumabschluss und teilweise Schallschutz – nicht die Lastabtragung.
Ein häufiger Fehler bei Sanierungen: Gefache werden zu hart oder zu dicht ausgeführt (z. B. Zementputz). Das führt zu Feuchtestau und Holzschäden.

Die tragenden Bauteile im Überblick
Schwelle
- Horizontales Holz am unteren Wandabschluss.
- Liegt nicht direkt auf dem Erdreich, sondern auf Sockel oder Fundamentstein.
- Hoch belastet durch Feuchte → kritischer Schadenspunkt.
- Überträgt Vertikallasten in das Fundament.
Ständer / Pfosten
- Vertikale Tragglieder.
- Leiten Lasten aus Decken und Dach nach unten ab.
- Historisch oft aus Eiche, wegen Druckfestigkeit und Dauerhaftigkeit.
Riegel
- Horizontale Verbindung zwischen Ständern.
- Bilden Geschossabschlüsse und strukturieren die Wand.
- Nicht nur „füllendes Holz“, sondern Teil des Lastpfads.
Sonderformen:
- Brüstungsriegel (unter Fenster),
- Sturzriegel (über Öffnungen).
Streben, Kopfbänder, Fußbänder
- Schräge Hölzer zur Aussteifung.
- Nehmen Horizontalkräfte (Wind, Verformung) auf.
- Kopfband: oben zwischen Ständer und Rähm
- Fußband: unten zwischen Ständer und Schwelle
Ohne diese Elemente wäre Fachwerk statisch instabil.
Andreaskreuz (Ausfachkreuz)
- Zwei sich kreuzende Streben im Gefach.
- Technisch eine Form der Aussteifung, historisch häufig.
- Heute eher als Sonderfall oder Denkmalform relevant.
Rähm
- Oberer horizontaler Abschluss der Wand.
- Trägt Deckenbalken oder Dachkonstruktion.
- Wirkt als Längsverband, verteilt Lasten und stabilisiert das Gebäude.
Deckenbalken
- Kein typisches „Fachwerkbauteil“, aber konstruktiv eng verbunden.
- Lagern auf Rähm oder Ständern.
- Leiten Nutzlasten aus den Geschossen ins Skelett.
Verbindungstechnik: der eigentliche Schlüssel
Die Tragfähigkeit eines Fachwerks entsteht nicht nur durch Holzquerschnitte, sondern durch die Verbindungen:
- Zapfenverbindungen
- Überblattungen
- Holznägel (Holzdübel)
Diese Verbindungen:
- erlauben geringe Verformungen,
- verteilen Kräfte,
- verhindern sprödes Versagen.
Metallwinkel sind bei historischen Konstruktionen kritisch, weil sie das Bewegungsverhalten verändern.
Statische Wirkungsweise
Ein Fachwerkhaus funktioniert statisch so:
- Vertikallasten
Dach → Rähm → Ständer → Schwelle → Fundament - Horizontallasten (Wind)
Aufnahme über Streben, Kopfbänder und Auskreuzungen - Gefache
Keine Lastabtragung, nur raumabschließend
Deshalb gilt: Ein optisch schiefes Fachwerk kann statisch korrekt sein – und umgekehrt.
| Bauteil | Lage im Bauwerk | Hauptfunktion | Typische Beanspruchung | Hinweise aus der Praxis |
| Schwelle | Unterer Wandabschluss | Lastabtragung ins Fundament | Druck, Feuchtebeanspruchung | Schadensschwerpunkt bei Altbauten; immer konstruktiven Holzschutz prüfen |
| Ständer / Pfosten | Vertikal in der Wand | Tragen Decken- und Dachlasten | Druck, teilweise Biegung | Querschnitt und Holzart statisch relevant |
| Riegel | Horizontal zwischen Ständern | Verbindung, Lastverteilung | Biegung, Schub | Brüstungs- und Sturzriegel funktional unterscheiden |
| Strebe | Schräg im Gefach | Aussteifung gegen Horizontallasten | Zug und Druck | Entfernen aus optischen Gründen ist statisch kritisch |
| Kopfband | Schräg oben (Ständer–Rähm) | Aussteifung, Kraftumlenkung | Zug/Druck | Häufig bei Geschossübergängen |
| Fußband | Schräg unten (Ständer–Schwelle) | Aussteifung | Zug/Druck | Oft schadensanfällig durch Feuchte |
| Andreaskreuz | Kreuzförmig im Gefach | Flächige Aussteifung | Zug/Druck | Historisch, heute selten neu ausgeführt |
| Rähm | Oberer Wandabschluss | Längsverband, Auflager | Biegung, Druck | Trägt Deckenbalken oder Dach |
| Deckenbalken | Horizontal, Geschossdecke | Aufnahme von Nutzlasten | Biegung | Gehören nicht zum Fachwerk, sind aber konstruktiv gekoppelt |
| Gefach | Zwischen den Hölzern | Raumabschluss, Witterungsschutz | keine statische Funktion | Materialwahl entscheidend für Feuchtehaushalt |
| Zapfenverbindung | Knotenpunkte | Kraftübertragung | Schub, Zug/Druck | Beweglich, historisch bewährt |
| Holznagel (Dübel) | Verbindungsmittel | Sicherung der Verbindung | Scherung | Metallersatz oft problematisch |
















1 Gedanke zu „Fachwerk – Begriffe, Konstruktion und statische Funktion“