Mit dem Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) will die Bundesregierung die Regeln für den Heizungstausch grundlegend verändern. Die umstrittene 65-%-Vorgabe des Gebäudeenergiegesetzes soll weitgehend entfallen. Stattdessen setzt die Regierung auf mehr Technologieoffenheit und größere Entscheidungsfreiheit für Eigentümer*innen.
Für viele Hausbesitzer klingt das zunächst nach einer guten Nachricht. Neue Gasheizungen sollen weiterhin möglich bleiben. Doch genau hier beginnt die Kritik vieler Fachleute. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) warnt davor, die Diskussion allein auf die Wahl der Heiztechnik zu reduzieren. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, welche Heizung heute eingebaut werden darf. Entscheidend ist, welche Energieinfrastruktur in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren tatsächlich noch zur Verfügung steht.

Inhaltsverzeichnis
- Das Gebäudemodernisierungsgesetz soll den Heizungstausch vereinfachen
- Gasheizungen bleiben möglich – aber unter neuen Bedingungen
- Warum der VDI vor einem Lock-in-Effekt warnt
- Die eigentliche Herausforderung liegt vor der Haustür
- Kommunale Wärmeplanung wird immer wichtiger
- Wärmepumpen bleiben ein zentraler Baustein der Wärmewende
- Gebäudeautomation: Der unterschätzte Hebel
- Die Klimaziele bleiben bestehen
Das Gebäudemodernisierungsgesetz soll den Heizungstausch vereinfachen
Mit der ersten Lesung am 11. Juni hat die parlamentarische Beratung des Gebäudemodernisierungsgesetzes begonnen. Ziel der Bundesregierung ist es, die Wärmewende praxistauglicher zu gestalten und den Eigentümern mehr Freiheiten bei der Wahl ihrer Heiztechnik einzuräumen.
Im Mittelpunkt steht die Abkehr von zentralen Vorgaben des bisherigen Gebäudeenergiegesetzes. Die bislang diskutierte 65-%-Regel hatte vorgeschrieben, dass neu eingebaute Heizungen langfristig zu einem großen Teil mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssen. Künftig sollen Eigentümer*innen wieder stärker selbst entscheiden können, welche Technologie sie nutzen.
Möglich bleiben sollen unter anderem:
- Wärmepumpen
- Fernwärmeanschlüsse
- Biomasseheizungen
- Hybridlösungen
- Öl- und Gasheizungen unter bestimmten Voraussetzungen
Die Bundesregierung verbindet damit die Hoffnung, die Akzeptanz für die Wärmewende zu erhöhen. Kritiker fragen jedoch, ob mehr Wahlfreiheit allein ausreicht, um langfristig Planungssicherheit zu schaffen.
Gasheizungen bleiben möglich – aber unter neuen Bedingungen
Entgegen vieler Schlagzeilen bedeutet das Gesetz keine Rückkehr zur klassischen Erdgasheizung. Zwar sollen neue Gasheizungen weiterhin eingebaut werden dürfen. Allerdings müssen sie künftig schrittweise mit klimafreundlichen Brennstoffen betrieben werden.
Dahinter steht die sogenannte „Bio-Treppe“. Sie sieht vor, dass der Anteil erneuerbarer oder klimaneutraler Energieträger in den kommenden Jahren steigt. Dazu zählen unter anderem:
- Biomethan
- Wasserstoff
- synthetische Gase aus erneuerbaren Energien
Das klingt auf den ersten Blick plausibel. Schließlich könnten bestehende Gasleitungen weiter genutzt werden. Doch viele Energieexperten bezweifeln, dass diese Strategie im großen Maßstab funktioniert.
Der Grund: Grüngase gelten als knapp und teuer. Insbesondere grüner Wasserstoff wird voraussichtlich vor allem dort benötigt, wo eine Elektrifizierung technisch schwierig ist – etwa in Teilen der Industrie oder im Schwerlastverkehr. Ob ausreichend Mengen für Millionen Heizungen zur Verfügung stehen werden, ist derzeit offen.
Warum der VDI vor einem Lock-in-Effekt warnt
Der VDI begrüßt die größere Technologieoffenheit grundsätzlich. Gleichzeitig sieht der Verband erhebliche Risiken für Eigentümer.
„Wer heute in eine Heizungsanlage investiert, braucht Klarheit darüber, welche Energieinfrastruktur morgen tatsächlich verfügbar ist“, sagt VDI-Direktor Adrian Willig.
Der Hintergrund ist einfach: Heizungsanlagen werden meist über Jahrzehnte genutzt. Wer heute eine neue Gasheizung einbaut, geht davon aus, dass das notwendige Netz und die passenden Brennstoffe langfristig verfügbar bleiben.
Genau hier sieht der VDI die Gefahr eines sogenannten Lock-in-Effekts. Darunter verstehen Fachleute Investitionen, die langfristige Abhängigkeiten schaffen.
Ein mögliches Szenario
Ein Haushalt installiert 2027 eine neue Gasheizung. Gleichzeitig sieht der kommunale Wärmeplan vor, die Gasversorgung bis 2045 deutlich zurückzufahren. Immer mehr Gebäude wechseln zu Wärmepumpen oder Fernwärme. Die Zahl der Gaskunden sinkt. Die Kosten für Betrieb und Wartung des Netzes müssen auf weniger Nutzer verteilt werden.
Die Folge könnten steigende Netzentgelte und höhere Betriebskosten sein. Die Heizung wäre dann zwar technisch weiterhin nutzbar, wirtschaftlich jedoch zunehmend unattraktiv.
Die eigentliche Herausforderung liegt vor der Haustür
In der öffentlichen Debatte wird häufig darüber gestritten, welche Heizung die beste Lösung darstellt. Aus technischer Sicht greift diese Diskussion jedoch zu kurz.
Die entscheidende Frage lautet: Welche Infrastruktur wird künftig aufgebaut – und welche verschwindet?
Deutschland verfolgt derzeit mehrere große Transformationsprojekte gleichzeitig:
- Ausbau der Wärmepumpen
- Ausbau der Fernwärme
- Ausbau erneuerbarer Stromerzeugung
- Verstärkung der Stromnetze
- Dekarbonisierung der Gasversorgung
Diese Entwicklungen beeinflussen sich gegenseitig.
Wird ein Stadtviertel künftig an ein Fernwärmenetz angeschlossen? Bleibt das Gasnetz erhalten? Reicht die Netzkapazität für tausende zusätzliche Wärmepumpen? Wird Wasserstoff überhaupt in die jeweilige Region geliefert?
Für Eigentümer sind diese Fragen oft wichtiger als die Wahl eines bestimmten Heizsystems. Der VDI fordert deshalb eine integrierte Infrastrukturstrategie, die Wärmeplanung, Stromnetze, Fernwärme und Gasversorgung besser miteinander verzahnt.
Kommunale Wärmeplanung wird immer wichtiger
Eine Schlüsselrolle spielt dabei die kommunale Wärmeplanung.
Städte und Gemeinden analysieren derzeit, wie die Wärmeversorgung künftig organisiert werden soll. Je nach Region können dabei sehr unterschiedliche Lösungen entstehen.
Denkbar sind beispielsweise:
- Fernwärmegebiete
- Quartierslösungen
- Wärmepumpenschwerpunkte
- Wasserstoff-Pilotregionen
Die Wärmeplanung gibt Eigentümer*innen erstmals Hinweise darauf, welche Energieversorgung langfristig vorgesehen sein könnte. Sie ersetzt jedoch keine verbindliche Anschlussgarantie.
Gerade deshalb fordert der VDI mehr Transparenz. Wer heute investiert, sollte möglichst früh wissen, welche Infrastrukturperspektive für das eigene Wohngebiet besteht.
Wärmepumpen bleiben ein zentraler Baustein der Wärmewende
Trotz der geplanten Gesetzesänderungen dürfte die Wärmepumpe auch künftig eine wichtige Rolle spielen. Die Bundesregierung hat angekündigt, die bestehende Förderung fortzuführen. Für Hersteller, Handwerksbetriebe und Verbraucher*innen ist das ein wichtiges Signal.
Technisch bieten Wärmepumpen mehrere Vorteile. Sie nutzen Umweltwärme aus Luft, Erdreich oder Grundwasser und erreichen dadurch deutlich höhere Wirkungsgrade als klassische Verbrennungsheizungen. Gleichzeitig lassen sie sich direkt mit erneuerbarem Strom betreiben.
Viele Fachleute sehen deshalb weiterhin großes Potenzial in dieser Technologie. Allerdings hängen Wirtschaftlichkeit und Akzeptanz auch von den Strompreisen ab. Der VDI fordert daher unter anderem niedrigere Stromsteuern und eine Entlastung bei Netzentgelten, um den Betrieb von Wärmepumpen attraktiver zu machen.
Gebäudeautomation: Der unterschätzte Hebel
Während sich die politische Debatte fast ausschließlich um Heizsysteme dreht, weist der VDI auf einen weiteren wichtigen Punkt hin: die Gebäudeautomation.
Vor allem größere Nichtwohngebäude verlieren oft erhebliche Energiemengen durch ineffiziente Betriebsführung. Nicht die Heiztechnik selbst verursacht dann die größten Verluste, sondern eine schlechte Regelung der Anlagen.
Digitale Systeme können beispielsweise:
- Energieverbräuche überwachen
- Lastspitzen erkennen
- Heiz- und Lüftungsanlagen optimieren
- Fehlfunktionen frühzeitig melden
Der bisherige § 71a des Gebäudeenergiegesetzes enthält bereits Vorgaben für Gebäudeautomation und Energiemonitoring in größeren Nichtwohngebäuden. Der VDI begrüßt, dass diese Anforderungen nicht vollständig gestrichen werden sollen. Gleichzeitig warnt der Verband davor, die Vorgaben zu verwässern.
Denn die günstigste Kilowattstunde bleibt diejenige, die gar nicht erst verbraucht wird.
Die Klimaziele bleiben bestehen
Ein weiterer Aspekt wird in der aktuellen Diskussion häufig übersehen: Die Klimaziele für den Gebäudesektor ändern sich durch das neue Gesetz nicht.
Deutschland muss die CO₂-Emissionen von Gebäuden in den kommenden Jahren deutlich reduzieren. Unabhängig davon, welche Heiztechnik künftig eingebaut wird, bleibt der Druck zur Dekarbonisierung bestehen.
Genau deshalb reicht es aus Sicht vieler Fachleute nicht aus, lediglich mehr Wahlmöglichkeiten zu schaffen. Entscheidend wird sein, ob die politische Planung langfristig verlässliche Rahmenbedingungen für Eigentümer*innen, Kommunen und Unternehmen schafft.














