In der niederländischen Stadt ’s-Hertogenbosch stehen Gebäude, die den Blick sofort auf sich ziehen. Wer den Stadtteil Maaspoort besucht, sieht keine klassischen Backsteinfassaden oder spitzen Giebel. Stattdessen ragen dort 50 weiße Kugeln aus dem Boden. Diese Häuser tragen den Namen Bolwoningen.
Das Wort stammt aus dem Niederländischen und bedeutet übersetzt Kugelhäuser. Seit den 1980er-Jahren prägen diese Bauwerke das Stadtbild. Sie wirken wie eine Kulisse aus einem Science-Fiction-Film. Trotz ihrer ungewöhnlichen Form dienen sie seit Jahrzehnten als ganz normaler Wohnraum.

Das erwartet Sie in diesem Beitrag
- Ein staatliches Experiment für neues Wohnen
- Die Philosophie hinter der runden Form
- Technische Details und Materialwahl
- Das Innenleben der Wohnkugeln
- Mängel und die Rettung der Siedlung
- Die Kugelhäuser als heutiges Ausflugsziel
Ein staatliches Experiment für neues Wohnen
Die Geschichte dieser Siedlung begann nicht erst mit dem Bau in den 80er-Jahren. Die Wurzeln liegen im Jahr 1968. Zu dieser Zeit suchte die niederländische Regierung nach neuen Wegen im Wohnungsbau. Das Ziel bestand darin, günstigen und zugleich experimentellen Wohnraum zu schaffen. Über das Programm „Experimentele Woningbouw“ flossen Subventionen in Projekte, die von der Norm abwichen. Architekten sollten neue Grundrisse und soziale Konzepte erproben.
In dieser Phase reichte der Architekt Dries Kreijkamp seinen Entwurf ein. Kreijkamp stammte aus den Niederlanden und verfolgte eine klare Philosophie. Er lehnte das Wohnen in rechtwinkligen Räumen ab. Seiner Ansicht nach entsprach die Kugelform viel eher der menschlichen Natur. Er experimentierte bereits Mitte der 1960er-Jahre in Dänemark mit runden Formen. Damals nutzte er Materialien wie Holz und Aluminium. Bis zur Umsetzung der Siedlung in ’s-Hertogenbosch dauerte es jedoch bis 1980. Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Den Bosch fungierte als Auftraggeber.
Die Philosophie hinter der runden Form
Dries Kreijkamp sah in der Kugel die ideale Form für ein Haus. Er verband damit ökologische und psychologische Aspekte. Der Architekt äußerte sich zu seinem Konzept wie folgt:
„Die Kugelform ist völlig selbstverständlich. Sie ist die organischste und natürlichste Form, die möglich ist. Schließlich ist das Runde überall: Wir leben auf einer Weltkugel, und wir sind aus einer Kugel geboren. Die Kugel vereint das größtmögliche Volumen mit der kleinstmöglichen Oberfläche, so dass man nur ein Minimum an Material benötigt. Sie ist platzsparend, sehr ökologisch und nahezu wartungsfrei. Muss ich noch mehr sagen?“
Kreijkamp wollte ein Haus schaffen, das leicht ist und sich schnell aufbauen lässt. Seine Vision sah vor, dass ein Bolwoning an nur einem Tag montiert werden kann. Er dachte sogar an Versionen, die auf dem Wasser schwimmen. In der Siedlung Maaspoort stehen die Häuser jedoch fest auf dem Boden. Jede Kugel ruht auf einem zylindrischen Sockel. Dieser Sockel dient als Fundament und Eingangsbereich.
Technische Details und Materialwahl
Die Bolwoningen sind Vorläufer der heutigen Tiny-House-Bewegung. Jede Einheit bietet eine Wohnfläche von 55 Quadratmetern. Der Durchmesser der Kugel beträgt 5,5 Meter. Das Gesamtgewicht eines Hauses liegt bei etwa 1.250 Kilogramm. Damit wiegt ein solches Gebäude ungefähr so viel wie ein herkömmlicher Pkw.
Ursprünglich plante Kreijkamp die Verwendung von Polyester. Dieses Material ist besonders leicht. Aus Gründen des Brandschutzes und der Statik änderte man die Pläne jedoch. Die fertigen Häuser bestehen aus Glasfaserbeton. Hierbei handelt es sich um eine Entwicklung des niederländischen Unternehmens DSM. Der Kern aus Polyester erhielt zwei Schichten aus Zementbeton. Eine Verstärkung aus Glasfasern und eine Isolierung aus Steinwolle ergänzen den Aufbau.
Die Siedlung entstand zwischen 1980 und 1984. Die Kosten pro Wohneinheit beliefen sich damals auf etwa 96.000 Niederländische Gulden. Das entspricht heute einem Wert von rund 40.000 Euro. Die Firma Nederlandse Bouw Maatschappij übernahm die Vermarktung. Die meisten Objekte blieben im Besitz der Wohnungsbaugesellschaft und wurden vermietet. Nur wenige Einheiten gingen direkt in Privateigentum über.
Das Innenleben der Wohnkugeln
Das Wohnen in einer Kugel erfordert eine Umstellung der Gewohnheiten. Die Raumaufteilung folgt der vertikalen Struktur. Durch die Tür im Zylindersockel betreten Sie das Haus. In diesem unteren Bereich befinden sich eine Abstellkammer und Platz für Haushaltsgeräte. Eine Spindeltreppe führt nach oben in die eigentliche Kugel.
Die Kugel selbst unterteilt sich in mehrere Ebenen. Im unteren Teil der Kugel liegt das Schlafzimmer. Auf der mittleren Ebene sind das Badezimmer und die Küche untergebracht. Ganz oben befindet sich das Wohnzimmer. Diese Anordnung nutzt das Volumen der Kugel optimal aus. Elf runde Fenster sorgen für Licht im Innenraum. Diese Fenster haben einen Durchmesser von 1,20 Metern. Sie bieten einen weiten Blick in die Umgebung.
Allerdings bringt die Architektur praktische Hürden mit sich. Die Wände sind in alle Richtungen gekrümmt. Herkömmliche Möbel passen nicht bündig an die Außenwand. Bewohner können keine quadratischen Schränke aufstellen oder Bilder einfach an die Wand hängen. Das erfordert Kreativität bei der Einrichtung. Innenaufnahmen zeigen jedoch, dass die Mieter individuelle Lösungen finden. Die Räume gehen fließend ineinander über. Dies verhindert ein Gefühl der Enge trotz der geringen Grundfläche.
Mängel und die Rettung der Siedlung
Nicht alles an den Bolwoningen funktionierte von Beginn an reibungslos. Ende der 1980er-Jahre traten erste bauliche Probleme auf. Die runden Fenster erwiesen sich als undicht. Es drang Regenwasser in die Konstruktion ein. Zudem klagten Bewohner über mangelnden Stauraum. Die Konstruktionsmängel waren so gravierend, dass die Wohnungsgesellschaft im Jahr 1990 über einen Abriss nachdachte.
Dries Kreijkamp setzte sich massiv für den Erhalt seines Werks ein. Er konnte eine umfassende Restaurierung durchsetzen. Um das Platzproblem zu lösen, erhielten die Zylindersockel kleine Anbauten. Diese dienen heute als zusätzliche Lagerräume. Durch diese Maßnahmen wurden die Kugeln gerettet. Dennoch lehnte die Gemeinde weitere Projekte dieser Art ab. Kreijkamp arbeitete bis zu seinem Tod im Jahr 2014 an Verbesserungen. Er erstellte Kostenvoranschläge für andere Städte, doch keine weitere Siedlung wurde realisiert.
Die Kugelhäuser als heutiges Ausflugsziel
Heute sind die Bolwoningen eine feste Institution in ’s-Hertogenbosch. Sie stehen am Rand einer gewöhnlichen Neubausiedlung. Dieser Kontrast verstärkt die optische Wirkung der weißen Kugeln. Während die Häuser zur Zeit ihrer Entstehung kaum Kritik erfuhren, wirken sie heute wie Fremdkörper in der Nachbarschaft. Dennoch ziehen sie internationales Interesse auf sich.
Touristen besuchen das Viertel regelmäßig, um die Architektur zu fotografieren. Es gibt geführte Touren, die die Geschichte der Siedlung erläutern. In Fachkreisen gelten sie als eines der wichtigsten Beispiele für experimentelles Bauen in den Niederlanden. Sie stehen in einer Reihe mit den berühmten Kubushäusern in Rotterdam oder Helmond.
Ein erster Prototyp der Kugelhäuser existiert übrigens noch heute in Heusden-Vlijmen. Die obere Halbschale dieses Testbaus dient im Jahr 2025 als Gehege für Tiere. In ’s-Hertogenbosch hingegen dienen alle 50 Einheiten weiterhin als Wohnraum. Die Bewohner schätzen die besondere Atmosphäre und den Lichteinfall der runden Fenster. Das Leben im Bolwoning bleibt ein Statement gegen das Wohnen in der „quadratischen Kiste“.















