302 m hoch: Wie der Wasl Tower neue Wege im Hochhausbau geht

Von Dominik Hochwarth

Dubai ist bekannt für seine spektakulären Hochhäuser. Viele von ihnen folgen einem ähnlichen Prinzip: viel Glas, viel Stahl und leistungsstarke Klimaanlagen. Der Wasl Tower an der Sheikh Zayed Road geht einen anderen Weg. Der 302 m hohe Turm setzt auf eine doppelte Fassade aus Keramik und Glas, die Hitze bereits vor dem Gebäude abfängt. Zugleich nutzt er seine verdrehte Form, um Windlasten zu reduzieren.

Nach mehr als einem Jahrzehnt Planung und Bauzeit wurde das Projekt 2025 fertiggestellt. Heute zählt der Turm zu den markantesten Neubauten der Emirate. Aus ingenieurtechnischer Sicht ist er vor allem deshalb interessant, weil hier Architektur, Tragwerksplanung und Gebäudetechnik eng miteinander verzahnt wurden.

Wasl Tower in Dubai
Verdrehte Form, intelligente Fassade, schwierige Baugeschichte: Der Wasl Tower zeigt neue Wege für Hochhäuser in heißen Klimazonen.

Inhaltsverzeichnis

Ein Hochhaus mit vielen Funktionen

Der Wasl Tower steht direkt an der Sheikh Zayed Road, einer der wichtigsten Verkehrsachsen Dubais. In unmittelbarer Nähe befinden sich der Burj Khalifa und das Geschäftsviertel Downtown Dubai. Über eine Fußgängerverbindung ist das Gebäude direkt an die Metrostation Burj Khalifa angebunden.

Auf einer Grundstücksfläche von knapp 8000 m² entstand ein Gebäude mit 64 Geschossen und einer Bruttogrundfläche von rund 168.000 m². Der Turm vereint verschiedene Nutzungen unter einem Dach:

  • das Fünf-Sterne-Hotel Mandarin Oriental Downtown Dubai
  • exklusive Wohnungen und Serviced Apartments
  • Büroflächen
  • Restaurants und Bars
  • Konferenz- und Veranstaltungsbereiche

Ergänzt wird der Turm durch ein elfgeschossiges Nebengebäude mit Parkhaus, Ballsaal, Konferenzräumen und Freizeitanlagen.

Die Planenden verfolgten dabei das Konzept einer „vertikalen Stadt“. Hotelgäste, Bewohnerinnen und Bewohner sowie Büroangestellte nutzen weitgehend getrennte Erschließungssysteme. Dadurch lassen sich Personenströme effizient lenken und Nutzungskonflikte vermeiden.

Deutsche Ingenieurskunst prägt das Projekt

Eine Besonderheit des Wasl Towers ist die starke deutsche Beteiligung. Bereits 2013 erhielt das Stuttgarter Ingenieurbüro Werner Sobek den Auftrag für wesentliche Teile der technischen Planung. Das Unternehmen war unter anderem für Tragwerk, Fassadenentwicklung, Nachhaltigkeitskonzepte, Akustik und Teile der Gebäudetechnik verantwortlich.

Erst nachdem die technischen Rahmenbedingungen feststanden, wurde das niederländische Architekturbüro UNStudio unter Leitung von Ben van Berkel in die Planung eingebunden.

Dieser Ablauf unterscheidet sich von vielen Prestigeprojekten. Häufig entsteht zunächst die architektonische Idee, während die Ingenieurinnen und Ingenieure anschließend nach technischen Lösungen suchen. Beim Wasl Tower verlief der Prozess weitgehend umgekehrt.

Schwieriger Baugrund und tiefe Fundamente

Mit den eigentlichen Bauarbeiten wurde 2016 begonnen. Wie bei vielen Großprojekten in Dubai stellte der Baugrund die Beteiligten vor Herausforderungen. Die oberen Bodenschichten bestehen überwiegend aus Sand und wasserführenden Sedimenten.

Deshalb kamen tief gegründete Bohrpfähle zum Einsatz. Sie wurden mit Bentonit- und Polymersuspensionen stabilisiert und bis in tragfähigere Schichten eingebracht.

Solche Fundamente übertragen die enormen Lasten eines Hochhauses sicher in den Untergrund und verhindern ungleichmäßige Setzungen.

Arabtec-Insolvenz bringt die Baustelle zum Stillstand

Ursprünglich sollte der Turm rechtzeitig zur Expo 2020 fertig werden. Im Jahr 2017 erhielt Arabtec Construction den Hauptauftrag über rund 1,46 Mrd. AED.

Zunächst verliefen die Arbeiten planmäßig. Doch 2020 änderte sich die Situation grundlegend. Die Corona-Pandemie sorgte weltweit für Materialengpässe, Lieferprobleme und Personalmangel. Gleichzeitig geriet Arabtec wirtschaftlich immer stärker unter Druck.

Als das Unternehmen im Herbst 2020 liquidiert wurde, standen zahlreiche Großprojekte in den Vereinigten Arabischen Emiraten vor einer ungewissen Zukunft. Auch beim Wasl Tower ruhten die Arbeiten zeitweise.

Erst 2021 gelang es dem Bauherrn, mit Saleh Constructions einen neuen Partner für die Fertigstellung zu finden. Anschließend wurde die Baustelle neu organisiert und der Bau schritt wieder voran.

Wasl Tower in Dubai
Der Wasl Tower in Dubai setzt auf Keramik statt Glas.

Warum sich der Turm verdreht

Schon aus der Ferne fällt die besondere Form des Gebäudes auf. Der Turm scheint sich entlang seiner Höhe leicht um die eigene Achse zu drehen.

Hinter dieser Gestaltung steckt mehr als reine Ästhetik. Wind gehört zu den wichtigsten Lasten, die bei sehr hohen Gebäuden berücksichtigt werden müssen. Treffen Luftströmungen auf einen Turm, entstehen Wirbel. Diese können Schwingungen verursachen und die Konstruktion belasten.

Durch die verdrehte Geometrie werden diese Wirbel gezielt gestört. Windkanaluntersuchungen halfen dabei, die Form zu optimieren. Nach Angaben der Projektbeteiligten konnten die Windkräfte dadurch deutlich reduziert werden.

Für die Ingenieurinnen und Ingenieure hatte das einen weiteren Vorteil: Das Tragwerk konnte schlanker ausgelegt werden, was Material spart und die Nutzflächen vergrößert.

Ein Tragwerk für eine ungewöhnliche Geometrie

Das statische System basiert auf einem massiven Stahlbetonkern im Zentrum des Gebäudes. Dieser Kern übernimmt den Großteil der horizontalen Kräfte und bildet das Rückgrat des Turms.

Zusätzlich verbinden mehrere sogenannte Outrigger-Ebenen den Kern mit den Außenstützen. Diese Konstruktion erhöht die Steifigkeit des Gebäudes und reduziert Verformungen bei Wind.

Besonders anspruchsvoll war die Umsetzung der verdrehten Form. Einige Außenstützen verlaufen leicht geneigt und folgen der Geometrie des Turms. Dadurch konnten störende Abfangkonstruktionen weitgehend vermieden werden. Gleichzeitig entstanden flexible Grundrisse für Hotel, Wohnungen und Büros.

Die Fassade ist das eigentliche Herzstück

Während viele Hochhäuser in der Golfregion nahezu vollständig verglast sind, verfolgt der Wasl Tower ein anderes Konzept.

Die äußere Gebäudehülle besteht aus mehr als 3800 keramischen Lamellen. Sie bilden eine zweite Fassadenebene vor der eigentlichen Verglasung. Die Lamellen sind zwischen vier und sechs Meter lang und wurden mithilfe digitaler Planungsmethoden individuell auf ihre Position abgestimmt.

Die Grundidee ist einfach: Die Keramik fängt einen Teil der Sonneneinstrahlung bereits außerhalb des Gebäudes ab.

Zwischen Keramik und Glas entsteht ein belüfteter Zwischenraum. Dort erwärmt sich die Luft und steigt nach oben. Dieser sogenannte Kamineffekt transportiert Wärme aus der Fassade ab, bevor sie in das Gebäude eindringen kann.

Die Lamellen sind zudem unterschiedlich ausgerichtet. Auf der sonnenexponierten Südseite fällt die Verschattung stärker aus. Auf der Nordseite bleibt die Fassade deutlich transparenter. UNStudio beschreibt die Konstruktion als eine der weltweit höchsten Terrakottafassaden.

Weniger Kühlenergie trotz Wüstenklima

Für Gebäude in Dubai ist die Kühlung einer der größten Energieverbraucher. Deshalb spielte die Fassadenentwicklung von Beginn an eine zentrale Rolle.

Nach Angaben der Projektbeteiligten soll die Kombination aus Keramiklamellen, hinterlüfteter Doppelfassade und Sonnenschutzverglasung den Energiebedarf für die Kühlung gegenüber konventionellen Referenzgebäuden spürbar senken.

Auch die Tageslichtnutzung wurde optimiert. Die Lamellen beschatten die Räume nicht vollständig, sondern lenken diffuses Licht tief ins Gebäude hinein. Dadurch sinkt der Bedarf an künstlicher Beleuchtung.

Die genauen Einsparungen stammen aus Simulationen und Projektberechnungen. Unabhängige Langzeitmessungen liegen bislang nicht vor.

Weniger Material durch intelligentes Engineering

Während der Planung wurde das Tragwerk mehrfach überarbeitet und optimiert. Dabei überprüften die Ingenieurteams jedes Bauteil auf Einsparpotenziale. Unter anderem ersetzten leichte Trockenbauwände zahlreiche schwere Innenwände. Dadurch konnten die Deckenkonstruktionen schlanker ausgeführt werden.

Nach Angaben von DeSimone Consulting Engineering wurden auf diese Weise mehrere Tausend Kubikmeter Beton eingespart. Neben den Materialkosten verringerte sich dadurch auch der Aufwand für Transporte und Baustellenlogistik.

Gerade bei Hochhäusern wirken sich solche Optimierungen über alle Geschosse hinweg erheblich aus.

Moderne Gebäudetechnik im Hintergrund

Die technische Gebäudeausrüstung setzt auf eine Kombination verschiedener Systeme.

Dazu gehören:

  • District Cooling zur Kälteversorgung
  • bedarfsgesteuerte Lüftung mit CO₂-Sensorik
  • LED-Beleuchtung mit Tageslichtregelung
  • Solarthermie zur Warmwasserbereitung
  • Photovoltaik für Teile des Gebäudebetriebs
  • moderne Gebäudeleittechnik

Hinzu kommen umfangreiche Schallschutzmaßnahmen. Sie sind notwendig, weil der Turm direkt an einer der verkehrsreichsten Straßen der Stadt liegt.

Ein Gegenmodell zum klassischen Glasturm

Der Wasl Tower steht für einen Wandel im Hochhausbau der Golfregion. Jahrzehntelang dominierten dort vollständig verglaste Türme, deren Raumklima fast ausschließlich durch energieintensive Technik erzeugt wurde.

Das neue Gebäude verfolgt einen anderen Ansatz. Die Fassade übernimmt selbst einen Teil der Klimaregulierung. Form, Material und Gebäudetechnik arbeiten zusammen, um Hitzeeinträge zu reduzieren.

Gleichzeitig zeigt die Baugeschichte, wie komplex moderne Großprojekte geworden sind. Pandemie, Lieferkettenprobleme und die Insolvenz des Generalunternehmers hätten das Vorhaben beinahe gestoppt.

Trotz dieser Rückschläge entstand ein Hochhaus, das nicht nur architektonisch auffällt. Vor allem aus Sicht der Ingenieurinnen und Ingenieure liefert der Wasl Tower interessante Antworten auf die Frage, wie Hochhäuser künftig in heißen Klimazonen gebaut werden können.

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