Morgens zeigt das Außenthermometer nur noch 9 °C, am Nachmittag werden wieder 18 °C erreicht. Im Wohnzimmer sind es noch angenehme 20 °C. Muss die Heizung jetzt schon laufen?
Häufig fällt bei dieser Frage eine Zahl: 15 °C Außentemperatur. Sie gilt als typische Heizgrenze. Für das einzelne Haus ist sie jedoch nur eine Orientierung. Ein unsanierter Altbau kann bereits Heizwärme brauchen, während ein gut gedämmter Neubau bei derselben Außentemperatur noch ohne Heizung auskommt.
Wichtiger als das Datum oder eine einzelne Außentemperatur ist deshalb die Frage: Kann das Gebäude die gewünschte Raumtemperatur ohne Heizung noch halten?

Das Wichtigste in Kürze
| Situation | Was bedeutet das? |
| Die Räume bleiben ohne Heizung angenehm warm | Noch kein Grund zu heizen |
| Die Raumtemperatur sinkt über mehrere Tage stetig | Die Heizgrenze des Hauses ist wahrscheinlich erreicht |
| Wohn- oder Schlafräume kühlen Richtung 16 bis 18 °C aus | Heizung einschalten und Luftfeuchtigkeit beobachten |
| Ein unsanierter Altbau kühlt bereits bei mildem Wetter aus | Eine vergleichsweise hohe Heizgrenze ist normal |
| Ein gut gedämmtes Haus bleibt auch bei kühleren Tagen warm | Die Heizgrenze kann deutlich unter 15 °C liegen |
Warum immer wieder von 15 °C die Rede ist
Die Zahl stammt nicht aus einer Vorschrift, die festlegt, wann Sie Ihre Heizung einschalten müssen. Sie kommt aus der Energietechnik.
Der Deutsche Wetterdienst berechnet sogenannte Gradtagzahlen nach VDI 2067 unter anderem mit einer angenommenen Raumtemperatur von 20 °C und einer Heizgrenztemperatur von 15 °C. Als Heiztage gelten dabei Tage, an denen das Tagesmittel der Außentemperatur unter der angesetzten Heizgrenze liegt.
Das ist für Wetterauswertungen und Energiebetrachtungen praktisch. Für Ihr eigenes Haus bedeutet es aber nicht:
14,9 °C draußen: Heizung an. 15,1 °C: Heizung aus.
Jedes Gebäude besitzt eine eigene energetische Bilanz. Es verliert Wärme über Außenwände, Dach, Fenster, Boden und Lüftung. Gleichzeitig bekommt es Wärme hinzu – vor allem durch Sonneneinstrahlung, Menschen und elektrische Geräte.
Solange diese kostenlosen Wärmegewinne ausreichen, um die Verluste weitgehend auszugleichen, muss die Heizung nichts beitragen.

Warum Altbau und Neubau unterschiedlich früh heizen müssen
Stellen wir zwei Häuser nebeneinander. Draußen beträgt die mittlere Temperatur 13 °C.
Das erste Gebäude ist ein wenig sanierter Altbau. Über Außenwände, alte Fenster und das Dach geht relativ viel Wärme verloren. Sonne, Bewohner und Elektrogeräte können diese Verluste nicht mehr ausgleichen. Die Raumtemperatur sinkt – die Heizung wird gebraucht.
Daneben steht ein gut gedämmter Neubau. Seine Wärmeverluste sind wesentlich geringer. Sonnenstrahlung und interne Wärmequellen können noch ausreichen, um die Räume warm zu halten.
Bei einem Passivhaus geht dieser Effekt besonders weit. Das Passivhaus Institut schreibt, dass in typischen Passivhäusern interne und solare Wärmegewinne häufig bis weit in den November hinein genügen können.
Der energetische Standard ist allerdings nicht der einzige Einflussfaktor. Auch die Lage und Form eines Gebäudes spielen eine Rolle. Ein Reihenmittelhaus besitzt beispielsweise weniger Außenfläche als ein freistehendes Haus. Eine Wohnung zwischen beheizten Nachbarwohnungen verliert weniger Wärme als eine exponierte Dachgeschosswohnung.
Hinzu kommen Fensterflächen, Himmelsrichtung, Verschattung, Luftdichtheit und Lüftung. Deshalb lässt sich selbst anhand des Baujahrs keine exakte Heizgrenze angeben.
Ein kalter Morgen sagt noch wenig aus
Im September und Oktober sind große Temperaturschwankungen normal. Nachts können die Werte bereits einstellig sein, am Nachmittag werden vielleicht noch 18 oder 20 °C erreicht.
Deshalb müssen Sie nicht die Heizung einschalten, nur weil das Außenthermometer morgens erstmals 9 °C zeigt.
Gebäude speichern Wärme in Wänden, Decken, Estrich und Einrichtung. Nach einer einzelnen kalten Nacht bleiben die Räume häufig noch angenehm warm. Folgen dagegen mehrere kühle und bewölkte Tage, ändern sich die Verhältnisse. Die Bauteile kühlen langsam aus und gleichzeitig fehlen solare Wärmegewinne.
Für die Frage „Wann Heizung einschalten?“ ist deshalb die Entwicklung über mehrere Tage interessanter als der niedrigste Wert einer einzelnen Nacht.

Die Raumtemperatur liefert die bessere Antwort
Schauen Sie nicht nur auf das Außenthermometer, sondern vor allem auf die Temperatur in Ihren Räumen.
Das Umweltbundesamt nennt für Wohnbereiche etwa 20 °C als Richtwert, sofern diese Temperatur als behaglich empfunden wird. Für Küchen werden etwa 18 °C und für Schlafzimmer etwa 17 °C genannt.
Diese Werte sind keine Pflichttemperaturen. Menschen empfinden Wärme unterschiedlich. Zudem beeinflussen kalte Fenster und Wandoberflächen die Behaglichkeit. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag Was ist die optimale Raumtemperatur?.
Zeit zum Heizen wird es vor allem, wenn Ihre Räume über mehrere Tage ohne Heizung immer weiter auskühlen und die gewünschte Temperatur nicht mehr erreichen.
Ein einfaches Thermo-Hygrometer hilft bei der Einschätzung. Es zeigt neben der Temperatur auch die relative Luftfeuchtigkeit an.
So finden Sie die Heizgrenze Ihres Hauses heraus
Sie müssen dafür keine komplizierte Berechnung durchführen.
Beobachten Sie an mehreren kühleren Herbsttagen die Außen- und Raumtemperaturen. Besonders aussagekräftig sind bewölkte Tage, weil starke Sonneneinstrahlung das Haus zusätzlich erwärmt.
Bleiben Ihre Wohnräume beispielsweise auch nach mehreren Tagen mit niedrigen Außentemperaturen ohne Heizung bei rund 20 °C, benötigt das Gebäude offensichtlich noch keine zusätzliche Heizwärme.
Sinkt die Temperatur in den Räumen dagegen von Tag zu Tag, haben die Wärmeverluste die kostenlosen Wärmegewinne zunehmend überholt.
Nach einigen Tagen lässt sich meist gut erkennen, wie Ihr Haus reagiert.
Wichtig ist dabei: Die individuelle Heizgrenze ist keine auf ein Zehntelgrad genaue Zahl. Das Wetter und die Nutzung des Gebäudes verändern sich ständig. An einem sonnigen Herbsttag kann das Haus ohne Heizung warm bleiben, während es bei gleicher Außentemperatur an einem bewölkten Tag langsam auskühlt.

Zu spätes Heizen kann Feuchteprobleme begünstigen
Die Heizung möglichst lange ausgeschaltet zu lassen, spart nicht automatisch sinnvoll Energie. Räume sollten nicht dauerhaft stark auskühlen.
Die Verbraucherzentrale empfiehlt während der Heizperiode, Wohn- und Schlafräume tagsüber auf mindestens etwa 16 bis 18 °C zu halten. Bei einem energetisch ungünstigen Gebäude können höhere Temperaturen notwendig sein.
Der Grund liegt nicht nur im Komfort. Kühlt ein Raum ab, werden auch Außenwände und Wärmebrücken kälter. An diesen Oberflächen steigt bei gleicher Feuchtemenge die relative Luftfeuchtigkeit. Das Schimmelrisiko kann dadurch zunehmen.
Ausführlich erklärt wird dieser Zusammenhang im Beitrag Tauwasser vermeiden: Wann feuchte Wände und Schimmel drohen.
Unterschiedlich beheizte Räume sollten Sie außerdem nicht über offene Türen miteinander temperieren. Die Verbraucherzentrale warnt bei Temperaturunterschieden von mehr als etwa 5 °C zwischen Räumen vor erhöhtem Feuchterisiko. Warme Luft aus dem Wohnzimmer bringt nämlich gleichzeitig Feuchtigkeit in das kühlere Schlafzimmer.
Weitere praktische Maßnahmen finden Sie in Wohnung warm halten: 19 Tipps, wenn es trotz Heizung zu kalt ist.
Heizgrenze ist nicht gleich Heizgrenze
An dieser Stelle ist eine Unterscheidung wichtig.
Die zuvor beschriebenen 15 °C sind eine rechnerische Heizgrenze, wie sie beispielsweise bei Gradtagzahlen verwendet wird. Davon zu unterscheiden ist die Heizgrenze in der Regelung einer Heizungsanlage.
Viele witterungsgeführte Heizungen besitzen eine Einstellung, die je nach Hersteller Heizgrenze, Sommer-Heizgrenze oder Sommer-/Winterumschaltung heißen kann. Sie legt fest, wann die Raumheizung freigegeben oder abgeschaltet wird.
Dabei schaut die Regelung nicht zwangsläufig nur auf den gerade gemessenen Wert des Außenfühlers. Je nach System können unter anderem gemittelte oder gedämpfte Außentemperaturen sowie Zeitverzögerungen und Schaltschwellen eine Rolle spielen.
Eine unnötig hohe Heizgrenze kann dazu führen, dass die Anlage an milden Tagen schon Wärme bereitstellt, obwohl das Gebäude sie noch nicht benötigt. Bei einer zu niedrigen Einstellung können Räume dagegen auskühlen.
Wie Heizgrenze, Neigung und Niveau zusammenspielen, erklären wir ausführlich im Beitrag Heizkurve optimieren: So stellen Sie Neigung und Niveau richtig ein.
Was gilt bei einer Wärmepumpe?
Auch bei einer Wärmepumpe muss niemand im September täglich am Hauptschalter entscheiden, ob heute schon „Heizsaison“ ist.
Sinnvoller ist eine passende Regelung. Heizgrenze und Heizkurve bestimmen, wann Heizwärme benötigt wird und welche Vorlauftemperatur dafür ausreicht.
Für die Effizienz einer Wärmepumpe sind möglichst niedrige Systemtemperaturen besonders wichtig. In der Übergangszeit kann der Wärmebedarf allerdings so gering werden, dass er unter der Mindestleistung der Wärmepumpe liegt. Dann kann die Anlage zeitweise takten. Wie häufig das geschieht, hängt unter anderem von Gerät, Regelung, Heizflächen und Gebäude ab.
Die pauschale Empfehlung, eine Wärmepumpe müsse immer durchgehend laufen, wäre deshalb falsch.
Wer eine Wärmepumpe im Bestandsgebäude betreibt oder plant, findet weitere Informationen im Beitrag Wärmepumpe im Altbau: In 5 Schritten zur effizienten Heizung.

Ab wann muss der Vermieter die Heizung einschalten?
Bei Mietwohnungen kommt zur technischen Frage noch die rechtliche Seite hinzu.
Als übliche Heizperiode wird häufig der Zeitraum 1. Oktober bis 30. April genannt. Der Deutsche Mieterbund erklärt, dass Vermietende spätestens ab dem 1. Oktober die Heizung in Betrieb nehmen müssen und Wohnungen tagsüber auf etwa 20 bis 22 °C beheizbar sein sollten. Nachts kann die Temperatur nach Angaben des Mieterbundes auf etwa 18 °C abgesenkt werden.
Das bedeutet nicht, dass Mieter ihre Wohnung ständig auf 20 oder 22 °C heizen müssen. Auch darauf weist der Mieterbund ausdrücklich hin. Wer niedrigere Temperaturen angenehm findet, darf weniger heizen. Das Gebäude darf dadurch allerdings keinen Schaden nehmen.
Für Hauseigentümer spielt der 1. Oktober ohnehin keine technische Rolle. Das Gebäude benötigt dann Heizwärme, wenn seine Wärmeverluste nicht mehr durch Sonne, Bewohner, Geräte und gespeicherte Wärme ausgeglichen werden.
Fazit: Ihr Haus bestimmt den richtigen Heizbeginn
15 °C Außentemperatur sind ein brauchbarer Orientierungswert, aber keine allgemeingültige Einschalttemperatur.
Ein unsanierter Altbau kann schon bei relativ mildem Herbstwetter zusätzliche Heizwärme benötigen. Ein sehr gut gedämmtes Gebäude kommt möglicherweise noch bei deutlich niedrigeren Außentemperaturen ohne aktive Heizung aus.
Beobachten Sie deshalb vor allem die Raumtemperaturen über mehrere Tage. Solange das Gebäude die gewünschte Temperatur ohne Heizung hält und keine Feuchteprobleme auftreten, besteht kein technischer Grund, allein wegen einer bestimmten Außentemperatur zu heizen.
Kühlen die Räume dagegen kontinuierlich aus, ist die individuelle Heizgrenze des Hauses erreicht.




