Wer heute durch Florenz schlendert, kommt an ihr kaum vorbei: der Ponte Vecchio. Sie wirkt fast wie eine kleine Stadt auf der Brücke. Links und rechts reihen sich kleine Läden aneinander, meist Juweliere, die ihre Schaufenster in Szene setzen. Dazwischen drängen sich Reisende, Einheimische und frisch Verliebte, die den Blick auf den Arno genießen. Doch unter den bunten Fassaden steckt ein Bauwerk, das Brückengeschichte geschrieben hat – die älteste Segmentbogenbrücke der Welt.

Das erwartet Sie in diesem Beitrag
- Frühere Brücken und zerstörerische Fluten
- Entstehung zwischen 1335 und 1345
- Was ist ein Segmentbogen?
- Die kleinen Läden auf der Brücke
- Ein Geheimgang für die Medici
- Verschont im Krieg
- Das Hochwasser von 1966
- Sanierung im 21. Jahrhundert
- Bedeutung für den Brückenbau
Frühere Brücken und zerstörerische Fluten
Schon in etruskischer Zeit gab es Übergänge über den Arno. Die Römer bauten hier ihre Straßen, doch das Wasser blieb unberechenbar. Immer wieder zerstörten Hochwasser die Holzbrücken. 1333 schwemmte eine besonders starke Flut fast alles weg, was sich der Arno in den Weg stellte. Auch die damalige Brücke hielt nicht stand.
Die Stadt entschloss sich, dauerhaft gegenzuhalten. Hohe Mauern sicherten die Ufer, damit die Fluten nicht mehr ungehindert in die Stadt strömten. Erst danach wagte man den Neubau der Brücke – diesmal aus Stein.
Entstehung zwischen 1335 und 1345
Zehn Jahre dauerte der Bau. Von 1335 bis 1345 wuchs die Brücke Stein für Stein. Der Name des Baumeisters ist nicht eindeutig überliefert. Manche Quellen schreiben den Entwurf Taddeo Gaddi zu, einem Schüler des Malers Giotto. Andere nennen Neri di Fioravanti. Sicher ist: Wer auch immer verantwortlich war, er schuf ein Werk, das Maßstäbe setzte.
Die Brücke ist 84 Meter lang und 32 Meter breit. Drei Bögen tragen das Bauwerk, mit Spannweiten von 27, 30 und noch einmal 27 Metern. Auffällig ist ihre Form: Es handelt sich nicht um Halbkreisbögen, wie sie bis dahin üblich waren, sondern um sogenannte Segmentbögen. Sie wirken flacher und eleganter, stellen aber auch höhere Anforderungen an Baugrund und Widerlager.

Was ist ein Segmentbogen?
Ein Halbkreisbogen verteilt die Kräfte gleichmäßig. Beim Segmentbogen dagegen entstehen stärkere horizontale Kräfte, die seitlich abgeleitet werden müssen. Das erfordert massive Pfeiler und stabile Fundamente.
Der Vorteil: Die Brücke bleibt niedriger. Wer sie überquert, muss keine steilen Rampen bewältigen. Für Fuhrwerke und Händler im Mittelalter war das ein großer Gewinn. In Europa gab es zu dieser Zeit nur wenige solche Bauten. Eine der bekanntesten Vergleichsbrücken ist die Rhonebrücke in Avignon. Doch ihre Bögen sind längst nicht so flach wie die des Ponte Vecchio.
Damit gilt der Ponte Vecchio als Pionierbau – eine Art Experiment, das gelungen ist. Bald nach seiner Fertigstellung diente er als Vorbild für weitere Brücken, etwa die Skaligerbrücke in Verona oder die Segmentbogenbrücke in Trezzo.
Ponte Vecchio – Technische Daten
- Bauzeit: 1335–1345
- Lage: Florenz, Italien – über den Arno
- Bauweise: Steinbrücke mit drei Segmentbögen
- Gesamtlänge: ca. 84 m
- Gesamtbreite: ca. 32 m
- Spannweiten der Bögen: 27 m – 30 m – 27 m
- Pfeilhöhe der Bögen: ca. 3,9–4,4 m
- Material: Bruchsteinmauerwerk mit Sandsteinquadern, Kalkmörtel
- Besonderheiten:
- Läden seit 1345 auf der Brücke
- Vasari-Korridor (1565) über den Ladenzeilen
- Nutzung bis heute durch Juweliere
- Belastungsproben:
- Hochwasser 1333 (Vorgänger zerstört)
- Hochwasser 1966 (Brücke überstand, Läden beschädigt)
- Zweiter Weltkrieg 1944 (als einzige Arno-Brücke nicht gesprengt)
- Aktuelle Sanierung: seit 2024, geplant bis 2026, Kosten ca. 2 Mio. €
Die kleinen Läden auf der Brücke
Von Anfang an war die Brücke mehr als ein Verkehrsweg. Schon auf den ersten Brücken in Florenz hatten Handwerker ihre Buden aufgeschlagen. Diese Tradition wurde beim Neubau übernommen. Die Stadt vermietete die kleinen Läden und füllte so ihre Kassen.
Ursprünglich siedelten sich dort Metzger und Gerber an. Sie nutzten den Fluss praktisch – die Schlachter warfen ihre Abfälle ins Wasser, die Gerber wuschen ihre mit Urin behandelten Felle. Das brachte Gestank mit sich, den viele Zeitgenossen beklagten.
1593 zog die Obrigkeit die Reißleine. Großherzog Ferdinando I. de’ Medici erließ ein Dekret: Von nun an durften hier nur noch Goldschmiede arbeiten. „Der Himmel für die Frauen und die Hölle für die Männer“, scherzen manche Stadtführer heute. Bis heute bestimmen Schmuckgeschäfte das Bild.
Ein Geheimgang für die Medici
1565 bekam die Brücke eine zweite Ebene. Giorgio Vasari, Maler und Architekt, erhielt den Auftrag, einen überdachten Gang zu bauen. Er sollte den Palazzo Vecchio mit dem Palazzo Pitti verbinden – quer über die Brücke.
Der sogenannte Vasari-Korridor war nicht nur ein wettergeschützter Weg, sondern auch eine Art Sicherheitstunnel für die Medici. „Der Korridor war der ultimative VIP-Zugang für die Medici-Familie – eine Art privater Sicherheitstunnel durch die Renaissance-Stadt“, heißt es heute.
2024 wurde der 750 Meter lange Gang nach achtjähriger Restaurierung wiedereröffnet. Besuchern können nun durch 73 Fenster blicken und die Stadt aus ungewohnter Perspektive erleben.

Verschont im Krieg
Im Zweiten Weltkrieg sprengten deutsche Truppen beim Rückzug fast alle Brücken in Florenz. Nur der Ponte Vecchio blieb stehen. Warum? Eindeutig belegt ist es nicht. Manche Historiker schreiben es einem direkten Befehl Hitlers zu, andere verweisen auf den Einsatz des deutschen Konsuls Gerhard Wolf.
Klar ist: Zwar wurden die Gebäude an beiden Brückenköpfen zerstört, um den Weg unpassierbar zu machen. Doch die Brücke selbst blieb verschont. Damit rettete sie ein Stück Geschichte.
Das Hochwasser von 1966
Auch die Natur setzte der Brücke immer wieder zu. Besonders heftig traf es Florenz am 4. November 1966. Der Arno trat über die Ufer, ganze Stadtteile standen unter Wasser. Auch die Läden auf dem Ponte Vecchio wurden schwer beschädigt.
Doch das Bauwerk selbst hielt stand. Pfeiler und Bögen blieben intakt, auch wenn Geländer und auskragende Läden fortgerissen wurden. Danach begann eine aufwändige Sanierung, die die Brücke wieder in ihren alten Zustand versetzte.
Ponte Vecchio – Ingenieurtechnische Besonderheiten
- Segmentbogen statt Halbkreis:
Flachere Bauweise, geringere Pfeilhöhe, aber höhere horizontale Schubkräfte. - Horizontalkräfte:
Werden über massive Widerlager und tiefe Fundamente in den Baugrund geleitet. - Pfeilerstellung:
Drei Pfeiler teilen die Lasten, in der Mitte heben sich die Schubkräfte teilweise auf. - Fundamentierung:
Baugrund im Arno-Schwemmland erforderte tiefe Gründung und Ufermauern als zusätzliche Stütze. - Breite Konstruktion:
32 m Breite ermöglicht Ladenzeilen und Fahrbahn – ungleichmäßige Lasten werden dadurch verteilt. - Zusatzlasten:
Ladenzeilen ab 1345, Vasari-Korridor ab 1565. Statisch relevante Mehrbelastungen, die aber von der robusten Grundstruktur getragen werden. - Material:
Bruchsteinmauerwerk mit Sandsteinquadern und Kalkmörtel. Hohe Dauerhaftigkeit gegen Fluten und Frost. - Dauerhaftigkeit:
Trotz Hochwasser (1966) und Krieg (1944) blieb die Tragstruktur intakt – Schäden betrafen vor allem Aufbauten.
Sanierung im 21. Jahrhundert
Im Oktober 2024 startete eine neue Restaurierung. Der Ponte Vecchio wird von Algen, Moos und Ablagerungen befreit. Auch Gehwege, Pflaster und Brüstungen werden erneuert. „Die Brücke hat keine Stabilitätsprobleme, sie ist sicher, aber die Struktur leidet unter den üblichen Problemen, die mit dem Auf und Ab des Flusses und der Lage im Freien verbunden sind“, erklärte Bürgermeister Dario Nardella.
Die Arbeiten sollen zwei Jahre dauern und kosten rund zwei Millionen Euro. Finanziert wird das Projekt größtenteils durch Spenden. Fast die Hälfte kommt von der Winzerfamilie Antinori, deren Geschichte eng mit Florenz verbunden ist.
Geplant sind auch Verbesserungen bei der Regenwasserableitung. Außerdem werden beschädigte Steine ersetzt und Risse geschlossen. Ziel ist es, das Bauwerk in seiner ursprünglichen Form zu erhalten – für kommende Generationen.
Bedeutung für den Brückenbau
Mit seiner flachen Bauweise und den drei Segmentbögen hat der Ponte Vecchio Baugeschichte geschrieben. Er war ein Experiment, das zeigte, dass Brücken nicht nur funktional, sondern auch Teil des städtischen Lebens sein konnten.
Die Kombination aus Verkehr, Handel und Architektur prägte Florenz und wirkte weit über Italien hinaus. Bis heute ist er ein Beispiel dafür, wie Technik und Stadtplanung ineinandergreifen können.















