76 Meter tief gegründet: Das Geheimnis von Bakus Crescent Hotel

Von Dominik Hochwarth

Vor der Küste von Baku entstand in mehr als 15 Jahren Bauzeit eines der ungewöhnlichsten Hochhäuser der Welt. Das Crescent Hotel bildet eine riesige Mondsichel, die scheinbar über dem Kaspischen Meer schwebt. Möglich wurde dies durch eine künstliche Insel, hunderte Tiefgründungspfähle, einen 90 Meter langen Stahlträger und komplexe Wind- und Erdbebenberechnungen. Das Projekt zeigt, wie moderne Ingenieurkunst selbst außergewöhnliche Architekturformen realisierbar macht.

Skyline von Baku mit dem Crescent Hotels
Das Crescent Hotel hat die Form einer Mondsichel, der Bau erforderte höchste Ingenieurskunst

Inhaltsverzeichnis

Ein Gebäude wie eine optische Täuschung

Auf den ersten Blick wirkt es wie eine optische Täuschung. Vor der Küste von Baku erhebt sich eine gigantische Mondsichel aus Glas und Stahl. Das Gebäude scheint über dem Wasser des Kaspischen Meeres zu schweben. Tatsächlich steht das Crescent Hotel auf einer künstlich angelegten Insel. Doch genau das ist nur ein Teil der Geschichte.

Die eigentliche Ingenieurleistung verbirgt sich mehr als 100 Meter über dem Meeresspiegel. Dort verbindet ein gewaltiges Stahltragwerk zwei getrennte Hochhaustürme miteinander. Erst dadurch entsteht die charakteristische Form der Mondsichel. Ohne diese Konstruktion wäre das Hotel nie über den Entwurfsstatus hinausgekommen.

Heute zählt das Bauwerk zu den auffälligsten Wahrzeichen der aserbaidschanischen Hauptstadt. Der Weg dorthin war jedoch lang. Zwischen den ersten Entwürfen und der sichtbaren Fertigstellung der Mondsichel lagen mehr als 15 Jahre Planung, Bauarbeiten und technische Herausforderungen.

Ein Milliardenprojekt am Kaspischen Meer

Das Crescent Hotel ist Teil des Crescent Development Project, eines groß angelegten Stadtentwicklungsprojekts an der Bucht von Baku. Wo früher Hafen- und Industrieflächen lagen, entsteht seit Jahren ein neues Stadtquartier mit Wohnungen, Büros, Geschäften und Freizeitangeboten.

Zum Ensemble gehören drei markante Gebäude:

  • das Crescent Hotel auf einer künstlichen Insel
  • der Büroturm Crescent City
  • der Wohn- und Geschäftskomplex Crescent Place

Gemeinsam umfassen die Bauwerke fast eine halbe Million Quadratmeter Bruttogeschossfläche. Die Investitionssumme wird auf rund 1,5 Mrd. US-$ geschätzt.

Entworfen wurde das Projekt vom südkoreanischen Architekturbüro Heerim Architects & Planners. Die Gestaltung greift Symbole auf, die eng mit Aserbaidschan verbunden sind. Während der Büroturm eine stilisierte Flamme darstellt, erinnert das Hotel an eine Mondsichel, die über dem Wasser ruht. Beide Symbole finden sich auch in der Nationalflagge des Landes wieder.

Aus einer Idee wurde ein Langzeitprojekt

Die ersten Konzepte entstanden bereits 2008. Damals war sogar ein noch umfangreicheres Bauprogramm vorgesehen. Nicht alle Entwürfe wurden später umgesetzt. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und geänderte Masterpläne führten zu mehreren Anpassungen.

Die eigentlichen Bauarbeiten begannen 2009. Zunächst entstanden die Fundamente der landseitigen Gebäude. Drei Jahre später starteten die Arbeiten für das Hotel auf der künstlichen Insel.

Besonders das Hotel entwickelte sich zu einem Langzeitprojekt. Die ungewöhnliche Geometrie stellte die Planer immer wieder vor neue Herausforderungen. Mehrfach mussten Berechnungen überprüft und Details überarbeitet werden. Erst im Frühjahr 2024 gelang die Schließung des markanten Bogens. Damit erhielt das Bauwerk erstmals die Form, die heute die Skyline von Baku prägt.

Zunächst musste eine Insel entstehen

Bevor überhaupt an Hochhausbau zu denken war, mussten die Ingenieure den Baugrund beherrschen. Der Untergrund vor der Küste Bakus besteht überwiegend aus weichen Sedimenten, schluffigen Tonen und organischen Ablagerungen. Solche Böden besitzen nur eine geringe Tragfähigkeit und reagieren empfindlich auf Belastungen.

Deshalb entschieden sich die Verantwortlichen für ein Verfahren, das sonst häufig im Hafen- und Offshorebau eingesetzt wird. Zunächst wurden zwei Reihen massiver Spundwände in den Meeresboden gerammt. Anschließend pumpten die Bauunternehmen das Wasser innerhalb dieses Bereichs ab. Erst danach konnte der Boden ausgehoben und verbessert werden.

Verdichtete Sand- und Kiesschichten ersetzten die schwachen Sedimente. Auf diese Weise entstand Schritt für Schritt die künstliche Insel, auf der später das Hotel errichtet wurde.

Baustelle des Crescent Hotels in Baku
Baustelle des Crescent Hotels in Baku

464 Pfähle tragen die Lasten

Selbst die künstliche Insel konnte die enormen Lasten des Gebäudes nicht allein aufnehmen. Das Crescent Hotel ruht auf rund 464 Großbohrpfählen. Einige erreichen Durchmesser von bis zu zwei Metern und reichen mehr als 76 Meter tief in den Untergrund. Nach Projektangaben gehörten sie zu den größten Pfählen, die bislang in Aserbaidschan hergestellt wurden.

Der Aufwand hatte einen guten Grund. Die Form des Hotels erzeugt deutlich komplexere Belastungen als ein gewöhnlicher Turm. Neben den vertikalen Lasten wirken zusätzliche Biege- und Horizontalkräfte auf die Fundamente ein.

Vor dem Bau führten Spezialisten deshalb umfangreiche Bodenuntersuchungen und Lastsimulationen durch. Ziel war es, spätere Setzungen möglichst gering zu halten. Schon geringe Verformungen könnten bei einem Bauwerk dieser Form zu erheblichen Problemen führen.

Der wichtigste Bauteil hängt über 100 Meter in der Luft

Die spektakulärste Ingenieurleistung befindet sich nicht unter dem Gebäude, sondern weit darüber. Die Mondsichel besteht aus zwei eigenständigen Türmen. Erst im oberen Bereich werden beide Gebäudeteile miteinander verbunden. Genau hier lag die größte Herausforderung des gesamten Projekts.

Zwischen den Türmen spannt sich ein rund 90 Meter langer Stahlfachwerkträger. Er verbindet beide Bauwerkshälften und sorgt dafür, dass die Konstruktion als ein gemeinsames Tragwerk funktioniert. Gleichzeitig nimmt er Kräfte auf, die die Türme auseinanderdrücken würden.

Noch ungewöhnlicher ist die Nutzung dieses Trägers. Mehrere Geschosse hängen direkt unter der Konstruktion. Sie werden nicht von unten gestützt, sondern über hochfeste Zugglieder getragen. Dadurch bleibt die große Öffnung im Zentrum des Gebäudes frei von Stützen.

Genau dieser Bereich verleiht dem Hotel sein charakteristisches Erscheinungsbild. Für Besucher wirkt es, als schwebe die Mondsichel über dem Wasser.

Zentimeter für Zentimeter nach oben

Die Montage des Stahlträgers war ein Projekt für sich. Ein klassisches Traggerüst kam nicht infrage. Die Arbeiten fanden über dem Meer statt, zudem erschweren starke Winde regelmäßig den Baubetrieb in Baku.

Deshalb entschieden sich die Ingenieure für einen Schwerlasthub. Der komplette Stahlträger wurde zunächst am Boden vormontiert. Anschließend zogen computergesteuerte hydraulische Litzenheber die Konstruktion Schritt für Schritt in ihre endgültige Position.

Über mehrere Tage hinweg bewegte sich die Stahlkonstruktion langsam nach oben. Erst danach konnte sie dauerhaft mit den beiden Türmen verbunden werden.

Die Stadt der Winde stellt eigene Regeln auf

Baku wird häufig als „Stadt der Winde“ bezeichnet. Für die Planer war das weit mehr als ein touristischer Beiname.

Die gekrümmte Form des Hotels beeinflusst die Luftströmung rund um das Gebäude erheblich. An bestimmten Stellen entstehen hohe Druck- und Sogkräfte. Deshalb mussten die Ingenieure umfangreiche Windanalysen durchführen. Die Ergebnisse flossen sowohl in die Tragwerksplanung als auch in die Fassadenkonstruktion ein.

Gleichzeitig galt es, Schwingungen zu begrenzen. Hohe Gebäude geraten durch Wind in Bewegung. Die Ausschläge sind meist gering, können aber von Menschen wahrgenommen werden. Spezielle Dämpfungssysteme sollen solche Bewegungen reduzieren und den Komfort für die späteren Gäste erhöhen.

Fast jedes Fassadenelement ist ein Einzelstück

Auch die Gebäudehülle stellte die Planer vor besondere Aufgaben. Bei klassischen Hochhäusern lassen sich viele Fassadenelemente standardisieren. Beim Crescent Hotel war das kaum möglich. Die Krümmung verändert sich über die gesamte Höhe des Gebäudes. Dadurch unterscheiden sich Winkel, Größen und Anschlusspunkte zahlreicher Elemente voneinander.

Viele Fassadenteile mussten daher individuell geplant und gefertigt werden. Gleichzeitig sollte die Verglasung den starken Windlasten standhalten und die Energieeffizienz des Gebäudes unterstützen. Zum Einsatz kamen mehrschichtige Sicherheitsgläser mit unterschiedlichen Stärken.

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