Sekunden entscheiden: Das Phänomen Flashover im Baurecht

Von Dominik Hochwarth

Dieser Beitrag analysiert das physikalische Phänomen des Flashovers (Raumdurchzündung) und dessen Bedeutung für das deutsche Bauordnungsrecht. Anhand der Brandkatastrophe in Crans-Montana vom Januar 2026 wird verdeutlicht, wie Materialwahl und Raumgeometrie die Brandausbreitung beeinflussen. Der Text erläutert die thermodynamischen Grundlagen, die Unterschiede zwischen Flashover, Backdraft und Rollover sowie die strengen Anforderungen der Versammlungsstättenverordnung. Abschließend gibt der Artikel Einblick in moderne Löschtechniken der Feuerwehr.

Flashover
Bei einem Flashover entzündet sich explosionsartig der ganze Raum – eine Rettung ist kaum mehr möglich

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Flashover ist der plötzliche Übergang eines lokalen Feuers zum Vollbrand des gesamten Raumes.
  • Entscheidend ist die Wärmestrahlung der Rauchgasschicht an der Decke.
  • Ab einer Wärmestromdichte von 20 kW/m² am Boden entzünden sich fast alle Materialien gleichzeitig.
  • Das deutsche Baurecht (VStättVO) schreibt für Decken und Fluchtwege strengste Materialklassen vor, um diesen Moment zu verhindern.
  • Moderne Feuerwehrtaktiken nutzen die 3D-Rauchgaskühlung, um die Energie im Raum gezielt zu senken.

Viele Menschen stellen sich einen Brand als ein Ereignis vor, das langsam und stetig wächst. Man denkt an eine Kerze, die umfällt. Dann fängt der Teppich Feuer, danach vielleicht ein Vorhang. Doch die Realität der Brandphysik ist eine andere. In geschlossenen Räumen verläuft ein Feuer oft nicht linear. Es gibt einen Punkt, an dem die Situation schlagartig umschlägt. Experten nennen diesen Moment den Flashover. In diesem Augenblick wird nicht mehr nur ein Gegenstand verzehrt. Der gesamte Raum wird innerhalb von Sekunden zum Brennofen.

Die Relevanz dieses Themas zeigte sich am Neujahrsmorgen 2026 im Schweizer Skiort Crans-Montana. In der Bar „Le Constellation“ geschah eine Katastrophe, die viele Menschenleben forderte. Rund 40 Personen starben, über 115 wurden verletzt. Viele von ihnen befinden sich in einem kritischen Zustand. Die Geschwindigkeit des Brandes erinnert an tragische Ereignisse der Vergangenheit. Es stellt sich die Frage, wie ein Fest so schnell in ein Inferno umschlagen kann. Welche physikalischen Kräfte wirken hier? Und wie schützt uns das deutsche Baurecht vor solchen Szenarien?

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Wenn Rauch zum Reaktor wird

Ein Brand in einem Zimmer durchläuft meistens vier Phasen. Zuerst entsteht das Feuer. Dann wächst es. Es folgt der Vollbrand und schließlich das Abklingen. Der Flashover bildet die Brücke zwischen dem Wachstum und dem Vollbrand. In der ersten Phase kontrolliert das verfügbare Material das Feuer. Die Flammen steigen nach oben und bilden eine thermische Säule. Man nennt diese Säule auch Plume. Er erreicht die Decke und breitet sich dort horizontal aus.

An der Decke sammelt sich mit der Zeit eine immer dickere Schicht aus heißem Rauch an. Diese Schicht ist gefährlich. Sie besteht aus Ruß, Kohlendioxid und Wasserdampf. Aber sie enthält auch brennbare Gase, die noch nicht verbrannt sind. Diese Schicht wirkt wie ein riesiger Heizkörper an der Decke. Sie strahlt Hitze nach unten ab. Physikalisch lässt sich das mit dem Stefan-Boltzmann-Gesetz beschreiben. Die Strahlungsleistung eines Körpers steigt mit der vierten Potenz seiner Temperatur T:

flashover formel

Das bedeutet: Wenn sich die Temperatur der Rauchwolke verdoppelt, vervierfacht sich die Hitze nicht nur. Die Strahlungsintensität steigt um das Sechzehnfache. Erreicht die Schicht an der Decke eine Temperatur von 500 °C bis 600 °C, wird es am Boden kritisch.

Die magische Grenze von 20 Kilowatt

In der Forschung gilt ein Wert als entscheidend für den Flashover. Es ist eine Wärmestromdichte von 20 kW/m² am Fußboden. Wenn dieser Wert erreicht wird, beginnen alle Gegenstände im Raum zu gasen. Dieser Prozess heißt Pyrolyse. Die Möbel, der Teppich und sogar die Kleidung der Menschen zersetzen sich durch die reine Hitzeeinwirkung. Es entstehen brennbare Dämpfe. Der Raum füllt sich also von oben mit Rauch und von unten mit unsichtbarem Brennstoffgas.

Der Flashover tritt ein, wenn die Temperatur im Raum die Zündtemperatur dieser Gase erreicht. Meist geschieht das bei etwa 500 °C bis 600 °C. Dann zündet das Gemisch im gesamten Raum schlagartig durch. Eine Flammenfront rast mit bis zu 50 km/h durch das Zimmer. Innerhalb von Sekundenbruchteilen steigt die Temperatur auf über 1000 °C. Der Sauerstoffgehalt sinkt fast auf Null. Für Personen im Raum ist dieser Moment absolut tödlich. Es gibt in diesem Stadium kein Überleben mehr. Ein brennendes Sofa kann bereits genug Energie freisetzen, um einen normalen Raum in diesen Zustand zu treiben.

Abgrenzung der Phänomene: Flashover, Backdraft und Rollover

In den Medien werden Brandbegriffe oft vermischt. Doch für Fachleute gibt es klare Unterschiede. Ein Vorbote des Flashovers ist der Rollover. Hierbei zünden die Gase direkt unter der Decke. Man sieht kleine Flammenzungen im Rauch tanzen. In der Fachsprache werden sie manchmal „Dancing Angels“ genannt. Ein Rollover erhöht die Hitze am Boden massiv. Jetzt strahlen nicht mehr nur heiße Gase, sondern offene Flammen mit 1000 °C nach unten.

Ein ganz anderes Phänomen ist der Backdraft. Hier fehlt dem Feuer der Sauerstoff. Der Raum ist voller heißer Gase, aber das Feuer schwelt nur noch vor sich hin. Wenn nun jemand eine Tür öffnet oder ein Fenster birst, strömt frische Luft ein. Es kommt zu einer Explosion. Warnzeichen für einen Backdraft sind pulsierender Rauch und Ruß an den Scheiben. Das Haus scheint förmlich zu „atmen“.

Die Rekonstruktion von Crans-Montana

Die Ereignisse in der Bar „Le Constellation“ lassen sich heute forensisch gut einordnen. In der Silvesternacht war die Bar mit bis zu 300 Personen gefüllt. Die Stimmung war ausgelassen. Gegen 01:30 Uhr wurden Wunderkerzen auf Champagnerflaschen entzündet. Ein Zeuge namens Nathan berichtet von der entscheidenden Szene: „Eine Frau saß auf den Schultern einer anderen Person und hielt die Flaschen samt sprühender Wunderkerzen in die Höhe. Dabei berührten die Funken oder die Flamme direkt die Deckenverkleidung.“

Die Decke war vermutlich mit Schaumstoff oder Textilien verkleidet. Solche Materialien dienen oft der Akustik, sind aber hochgradig brennbar. Sie wirken wie fester Treibstoff. Innerhalb von 30 Sekunden brannte die gesamte Decke. Da die Flammen horizontal wanderten, heizten sie das Material vor sich extrem schnell auf. Nach etwa einer Minute war die Rauchschicht so heiß, dass der Flashover unmittelbar bevorstand. Der Zeuge Léandre, ein Ersthelfer, beschreibt die schrecklichen Szenen: „Menschen seien innert Sekunden lebendig verbrannt.“

Das ist ein klarer Hinweis auf den Flashover-Moment. Die Atmosphäre im Raum wurde zur tödlichen Falle. Wer nicht innerhalb der ersten zwei Minuten das Gebäude verlassen hatte, war verloren. Der Stau vor der Treppe und der einzige zu schmale Ausgang besiegelten das Schicksal vieler Gäste.

Die deutsche Versammlungsstättenverordnung als Schutzschild

Könnte so etwas in Deutschland passieren? Unser Baurecht gilt als sehr streng. Für Orte wie Diskotheken oder große Bars gibt es die Muster-Versammlungsstättenverordnung (MVStättVO). Diese regelt genau, was erlaubt ist und was nicht. Ein zentraler Punkt sind die Materialien. Klar ist aber auch, sobald ein Flashover entsteht, ist kaum mehr eine Rettung möglich.

In Rettungswegen müssen Deckenbekleidungen nichtbrennbar sein. In den Versammlungsräumen selbst müssen Wände mindestens schwerentflammbar sein. Für Decken gelten oft noch härtere Regeln. Ziel ist es, die Ausbreitung der Flammen an der Decke (den Flame Spread) zu verhindern. Dekorationen müssen zudem einen Abstand von mindestens 2,50 m zum Boden haben. Das soll verhindern, dass jemand sie versehentlich mit einem Feuerzeug oder einer Wunderkerze entzündet.

Auch das offene Feuer ist in solchen Räumen grundsätzlich verboten. Pyrotechnik muss genehmigt und von Fachpersonal überwacht werden. Das Zünden von Wunderkerzen in einer dichten Menge unter einer brennbaren Decke wäre in Deutschland ein massiver Verstoß gegen die Sicherheitsauflagen.

Das Dilemma mit der Schwerentflammbarkeit

Oft hört man den Begriff „schwerentflammbar“ (Klasse B1 nach DIN 4102-1). Viele glauben, dieses Material könne nicht brennen. Das ist ein Irrtum. Der Test für B1 prüft nur, ob das Material von selbst ausgeht, wenn man die Zündquelle entfernt. In einem Flashover-Szenario wirkt aber eine dauerhafte Strahlungshitze von 20 kW/m² auf das Material ein. In dieser Hitze brennt auch B1-Material sehr heftig.

Die neuere europäische Norm DIN EN 13501-1 ist hier genauer. Sie gibt auch an, wie viel Rauch entsteht (Klasse s1 bis s3) und ob das Material brennend abtropft (Klasse d0 bis d2). Brennendes Abtropfen von der Decke ist besonders gefährlich. Es wirkt wie ein brennender Regen, der überall im Raum neue Feuer entfacht und Panik schürt.

Rettungswege: 30 Meter bis zur Sicherheit

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Fluchtwege. In Deutschland darf kein Platz mehr als 30 m vom nächsten Ausgang entfernt sein. Die Breite der Wege richtet sich nach der Personenzahl. Pro 100 Personen müssen 60 cm Breite vorhanden sein. Für die 300 Gäste in Crans-Montana wären in Deutschland also mindestens zwei unabhängige Ausgänge mit einer Gesamtbreite von 1,80 m nötig gewesen. Die Berichte über den Stau an der Treppe zeigen, dass diese Kapazitäten dort vermutlich nicht ausreichten.

Zusätzlich müssen Rauch- und Wärmeabzugsanlagen (RWA) vorhanden sein. Sie leiten den heißen Rauch nach draußen. Das verzögert den Flashover entscheidend, weil die Energie nicht im Raum bleibt. In Kellern geschieht dies durch starke Ventilatoren. Diese Anlagen müssen regelmäßig gewartet werden.

Moderne Taktik der Feuerwehr: Die 3D-Rauchgaskühlung

Wenn die Prävention versagt, muss die Feuerwehr eingreifen. Früher lehrte man den sogenannten Flashover-Reflex. Wenn es zu heiß wurde, sollten sich die Einsatzkräfte flach hinlegen und Wasser in den Raum spritzen. Heute weiß man, dass dies gefährlich sein kann. Ein Liter Wasser wird zu 1700 Litern Wasserdampf. In einem geschlossenen Raum kann dieser Dampf die Feuerwehrleute schwer verbrühen.

Die moderne Methode ist die 3D-Rauchgaskühlung. Die Einsatzkräfte geben dabei nur ganz kurze Sprühimpulse in die heiße Rauchschicht ab. Das Wasser verdampft direkt im Rauch und entzieht ihm die Hitze. Dadurch ziehen sich die Gase zusammen und die Rauchschicht hebt sich wieder an. Es wird also nicht das Feuer am Boden gelöscht, sondern der „Brennstoff“ in der Luft gekühlt. Diese Technik erfordert spezielles Training und Hohlstrahlrohre, die feinste Wassertröpfchen erzeugen.

Training in der Hitze

Um solche Techniken sicher zu beherrschen, trainieren Feuerwehrleute in Brandübungsanlagen. Man unterscheidet zwischen gasbetriebenen und holzbefeuerten Anlagen. Holzbefeuerte Anlagen sind für das Verständnis eines Flashovers besser geeignet. Sie erzeugen echten Ruß und die typische Strahlungshitze. In diesen Containern können Einsatzkräfte den „Point of no Return“ unter kontrollierten Bedingungen erleben. Sie lernen, die Warnzeichen zu deuten und ihre Angst zu kontrollieren. Nur durch ständigen Drill wird das richtige Verhalten im Ernstfall zum Automatismus.

Fazit und Ausblick

Der Flashover bleibt eine der größten Herausforderungen im Brandschutz. Er verwandelt ein kontrollierbares Feuer binnen Augenblicken in ein Inferno. Die Tragödie von Crans-Montana zeigt uns, dass physikalische Gesetze keine Ausnahmen machen. Die Kombination aus falscher Materialwahl und Leichtsinn war dort tödlich.

Das deutsche Bauordnungsrecht mit seinen strengen Materialklassen und Rettungswegvorgaben ist kein bürokratischer Selbstzweck. Es ist eine lebensnotwendige Schutzmauer. Dennoch bleibt ein Restrisiko durch menschliches Fehlverhalten oder mangelnde Wartung. Hier ist der abwehrende Brandschutz gefragt, der mit moderner Physik und intensivem Training reagiert. Zeit ist beim Brandschutz die einzige Währung, die zählt. In Crans-Montana war das Zeitkonto leider viel zu schnell aufgebraucht.

FAQ: Häufig gestellte Fragen zum Flashover

Was genau ist der Unterschied zwischen Flashover und Backdraft? Ein Flashover ist eine thermische Durchzündung durch zu viel Hitze in einem Raum mit ausreichend Sauerstoff. Ein Backdraft ist eine Rauchexplosion, die entsteht, wenn in einen sauerstoffarmen Brandraum plötzlich frische Luft einströmt.

Kann ein Flashover auch in meiner Wohnung passieren? Ja, theoretisch in jedem geschlossenen Raum. Moderne Wohnzimmer mit vielen Kunststoffen (Polster, Teppiche) entwickeln im Brandfall sehr schnell hohe Energiemengen. Rauchmelder sind deshalb wichtig, um den Brand in der Entstehungsphase zu bemerken.

Warum sind brennbare Deckenverkleidungen so gefährlich? An der Decke sammelt sich die größte Hitze. Wenn das Material dort brennt, strahlt es die Energie direkt auf alle anderen Gegenstände im Raum ab. Dies beschleunigt den Weg zum Flashover massiv.

Reicht es nicht, wenn Materialien als „schwerentflammbar“ (B1) gekennzeichnet sind? Für den normalen Gebrauch bietet B1 einen guten Schutz. Bei einem entwickelten Brand mit hoher Strahlungshitze brennen aber auch diese Materialien. In hochsensiblen Bereichen wie Fluchtwegen fordert das Gesetz daher oft „nichtbrennbare“ Materialien (A1 oder A2).

Wie erkenne ich als Laie einen drohenden Flashover? Als Laie sollten Sie beim ersten Anzeichen von Brandrauch den Raum verlassen. Warnzeichen sind eine sehr schnell absinkende, schwarze und dichte Rauchschicht sowie eine enorme Hitze, die man schon aus der Ferne spürt. Wenn kleine Flammenzungen in der Rauchwolke tanzen (Rollover), ist die Katastrophe nur noch Sekunden entfernt.

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