Fachwerk – Begriffe, Konstruktion und statische Funktion

Von Dominik Hochwarth

Ganz allgemein handelt es sich beim Fachwerk um eine Konstruktion aus Stäben, die nur auf Druck und Zug beansprucht werden. Ich möchte mich hier auf das Holzfachwerk von alten Fachwerkhäusern beschränken. So wie es bis ins 19. Jahrhundert über viele Jahrhunderte nördlich der Alpen vorherrschend war.

Fachwerkhäuser
Fachwerkhäuser in Straßburg

Was Fachwerk technisch ist – und was nicht

Ein Fachwerkgebäude ist ein Skelettbau. Tragend ist ausschließlich das Holzgefüge aus vertikalen, horizontalen und schrägen Hölzern. Die Zwischenräume – die Gefache – übernehmen keine statische Funktion.

Wichtig: Die oft zitierte Aussage „Fachwerk besteht aus Stäben, die nur auf Zug und Druck beansprucht werden“ ist nur eingeschränkt korrekt. Sie beschreibt idealisierte Fachwerkträger, nicht reale Fachwerkhäuser.

In der Praxis treten zusätzlich:

  • Biegung (z. B. in Riegeln),
  • Schub,
  • Knotenkräfte aus Wind- und Horizontallasten

auf.

Fachwerk ist damit kein reines Stabtragwerk, sondern ein räumlich ausgesteiftes Holzskelett.

Zentrales Element: das Gefach

Der Begriff „Fachwerk“ erklärt sich erst mit dem Gefach:

  • Gefache sind die nicht tragenden Felder zwischen den Hölzern.
  • Historisch wurden sie mit Lehmwickeln, Strohlehm oder Ziegeln gefüllt.
  • Ihre Aufgabe ist Witterungsschutz, Raumabschluss und teilweise Schallschutz – nicht die Lastabtragung.

Ein häufiger Fehler bei Sanierungen: Gefache werden zu hart oder zu dicht ausgeführt (z. B. Zementputz). Das führt zu Feuchtestau und Holzschäden.

Fachwerk-Konstruktion
1 = Schwelle, 2 = Eckständer, 3 = Ständer, 4 = Wandstrebe, 5 = Andreaskreuz, 6 = Riegel, 7 = Sturzriegel, 8 = Brüstungsriegel, 9 = Rähm, 10 = Balken, 11 = Saumschwelle

Die tragenden Bauteile im Überblick

Schwelle

  • Horizontales Holz am unteren Wandabschluss.
  • Liegt nicht direkt auf dem Erdreich, sondern auf Sockel oder Fundamentstein.
  • Hoch belastet durch Feuchte → kritischer Schadenspunkt.
  • Überträgt Vertikallasten in das Fundament.

Ständer / Pfosten

  • Vertikale Tragglieder.
  • Leiten Lasten aus Decken und Dach nach unten ab.
  • Historisch oft aus Eiche, wegen Druckfestigkeit und Dauerhaftigkeit.

Riegel

  • Horizontale Verbindung zwischen Ständern.
  • Bilden Geschossabschlüsse und strukturieren die Wand.
  • Nicht nur „füllendes Holz“, sondern Teil des Lastpfads.

Sonderformen:

  • Brüstungsriegel (unter Fenster),
  • Sturzriegel (über Öffnungen).

Streben, Kopfbänder, Fußbänder

  • Schräge Hölzer zur Aussteifung.
  • Nehmen Horizontalkräfte (Wind, Verformung) auf.
  • Kopfband: oben zwischen Ständer und Rähm
  • Fußband: unten zwischen Ständer und Schwelle

Ohne diese Elemente wäre Fachwerk statisch instabil.

Andreaskreuz (Ausfachkreuz)

  • Zwei sich kreuzende Streben im Gefach.
  • Technisch eine Form der Aussteifung, historisch häufig.
  • Heute eher als Sonderfall oder Denkmalform relevant.

Rähm

  • Oberer horizontaler Abschluss der Wand.
  • Trägt Deckenbalken oder Dachkonstruktion.
  • Wirkt als Längsverband, verteilt Lasten und stabilisiert das Gebäude.

Deckenbalken

  • Kein typisches „Fachwerkbauteil“, aber konstruktiv eng verbunden.
  • Lagern auf Rähm oder Ständern.
  • Leiten Nutzlasten aus den Geschossen ins Skelett.

Verbindungstechnik: der eigentliche Schlüssel

Die Tragfähigkeit eines Fachwerks entsteht nicht nur durch Holzquerschnitte, sondern durch die Verbindungen:

  • Zapfenverbindungen
  • Überblattungen
  • Holznägel (Holzdübel)

Diese Verbindungen:

  • erlauben geringe Verformungen,
  • verteilen Kräfte,
  • verhindern sprödes Versagen.

Metallwinkel sind bei historischen Konstruktionen kritisch, weil sie das Bewegungsverhalten verändern.

Statische Wirkungsweise

Ein Fachwerkhaus funktioniert statisch so:

  1. Vertikallasten
    Dach → Rähm → Ständer → Schwelle → Fundament
  2. Horizontallasten (Wind)
    Aufnahme über Streben, Kopfbänder und Auskreuzungen
  3. Gefache
    Keine Lastabtragung, nur raumabschließend

Deshalb gilt: Ein optisch schiefes Fachwerk kann statisch korrekt sein – und umgekehrt.

BauteilLage im BauwerkHauptfunktionTypische BeanspruchungHinweise aus der Praxis
SchwelleUnterer WandabschlussLastabtragung ins FundamentDruck, FeuchtebeanspruchungSchadensschwerpunkt bei Altbauten; immer konstruktiven Holzschutz prüfen
Ständer / PfostenVertikal in der WandTragen Decken- und DachlastenDruck, teilweise BiegungQuerschnitt und Holzart statisch relevant
RiegelHorizontal zwischen StändernVerbindung, LastverteilungBiegung, SchubBrüstungs- und Sturzriegel funktional unterscheiden
StrebeSchräg im GefachAussteifung gegen HorizontallastenZug und DruckEntfernen aus optischen Gründen ist statisch kritisch
KopfbandSchräg oben (Ständer–Rähm)Aussteifung, KraftumlenkungZug/DruckHäufig bei Geschossübergängen
FußbandSchräg unten (Ständer–Schwelle)AussteifungZug/DruckOft schadensanfällig durch Feuchte
AndreaskreuzKreuzförmig im GefachFlächige AussteifungZug/DruckHistorisch, heute selten neu ausgeführt
RähmOberer WandabschlussLängsverband, AuflagerBiegung, DruckTrägt Deckenbalken oder Dach
DeckenbalkenHorizontal, GeschossdeckeAufnahme von NutzlastenBiegungGehören nicht zum Fachwerk, sind aber konstruktiv gekoppelt
GefachZwischen den HölzernRaumabschluss, Witterungsschutzkeine statische FunktionMaterialwahl entscheidend für Feuchtehaushalt
ZapfenverbindungKnotenpunkteKraftübertragungSchub, Zug/DruckBeweglich, historisch bewährt
Holznagel (Dübel)VerbindungsmittelSicherung der VerbindungScherungMetallersatz oft problematisch

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