Pittodrie Stadium: Eine Pferdekoppel als Wiege der Stadiontechnik

Von Dominik Hochwarth

Wenn Sie heute ein modernes Fußballstadion betreten, halten Sie viele Dinge für selbstverständlich. Sie sitzen auf einem klappbaren Kunststoffsitz. Der Trainer beobachtet das Spiel aus einer überdachten Bank am Spielfeldrand. Und das Dach über Ihrem Kopf hält ohne störende Säulen, die Ihnen die Sicht rauben.

Viele dieser technischen Standards haben ihren Ursprung an einem Ort, den man dort vielleicht nicht sofort vermutet: in Aberdeen, an der rauen Nordostküste Schottlands. Das Pittodrie Stadium ist für Fachleute weit mehr als nur die Heimspielstätte des Aberdeen FC. Es ist ein Freiluftmuseum der britischen Ingenieurskunst, das seit 1899 besteht.

Pittodrie Stadium
Keine Stadion aus einem Guss, aber eine Arena mit Charme und Tradition

Das erwartet Sie in diesem Beitrag

Ein Fundament aus organischen Resten

Die Geschichte von Pittodrie beginnt nicht mit feierlichen Grundsteinlegungen, sondern mit einem logistischen Problem der städtischen Müllabfuhr. Das Gelände, auf dem heute Profifußball gespielt wird, diente ursprünglich als Ablageplatz für den Mist der Polizeipferde von Aberdeen. Bauherren standen Ende des 19. Jahrhunderts vor der Aufgabe, dieses Areal nutzbar zu machen. Die Pachtverträge unterschrieben die Verantwortlichen im Jahr 1899. Innerhalb von nur sechs Monaten entstand auf diesem schwierigen Untergrund der „Pittodrie Park“.

Aus bautechnischer Sicht ist ein solcher Baugrund tückisch. Ehemalige Deponien oder Mistplätze weisen oft eine unregelmäßige Bodenbeschaffenheit auf. Organische Stoffe zersetzen sich über Jahrzehnte. Das führt dazu, dass sich der Boden ungleichmäßig absenkt. Während die ersten Konstruktionen noch leichte Holztribünen waren, mussten spätere Erweiterungen dieses Problem massiv angehen. Die Ingenieure prüften bei jeder Vergrößerung die Tragfähigkeit des Bodens. Besonders beim Bau der schwereren Steintribünen war ein tiefes Verständnis der Bodenmechanik nötig, um Risse im Mauerwerk zu verhindern.

Der Einfluss von Archibald Leitch

Im Jahr 1925 änderte sich das Gesicht des Stadions grundlegend. Der Verein verpflichtete mit Archibald Leitch den Mann, der die britische Stadionlandschaft wie kein zweiter prägte. Leitch war kein klassischer Architekt für Prachtbauten. Er kam aus dem Bereich der Industriearchitektur. Er verstand es, Fabrikhallen so umzuplanen, dass darin Tausende Menschen sicher Platz fanden. In Pittodrie entwarf er den Main Stand, die heutige Haupttribüne.

Leitch setzte auf eine Kombination, die damals den Stand der Technik markierte: Eine Basis aus schwerem Backsteinmauerwerk im Erdgeschoss trug eine Konstruktion aus vernietetem Stahl im Oberrang. Das Dach bestand aus einem klassischen Satteldach mit Holzeindeckung und Wellblech. Ein technisches Detail, das Leitch-Bauten oft auszeichnete, war der Verzicht auf vordere Stützen, wo immer es die Statik zuließ.

Er nutzte weit auskragende Hauptbinder, um die Lasten zu verteilen. Das Ziel war eine freie Sicht für die Zuschauer, was zu dieser Zeit keineswegs die Regel war. Ein markantes Merkmal seiner Arbeit war der giebelförmige Dachreiter, das sogenannte Pediment. Dieses bauliche Schmuckstück blieb bis zu einer Renovierung im Jahr 1968 erhalten.

Fassade Stadion Anerdeen
Sieht aus wie ein Backsteinhaus, dahinter verbirgt sich jedoch die Haupttribüne

Das Feuer als Wendepunkt der Materialwahl

Ein technisches System zeigt seine Stärken und Schwächen oft erst im Ernstfall. Für Pittodrie war dieser Moment der 6. Februar 1971. Ein Feuer brach in der Haupttribüne aus und zerstörte weite Teile der Konstruktion. Damals bestanden die Innenausbauten und viele Teile des Daches noch aus brennbarem Holz. Der Brand führte dazu, dass die Verantwortlichen die Sicherheitstechnik komplett neu dachten.

Bei der Wiederherstellung der Tribüne verabschiedeten sich die Ingenieure von der Holzbauweise. Sie ersetzten die zerstörten Teile durch feuerverzinkten Stahl. Für die Sitzreihen kamen nun vorgefertigte Beton-Elemente zum Einsatz. Diese Baustoffe erhöhten nicht unter anderem die Brandsicherheit, sondern waren auch resistenter gegen die salzhaltige Luft der nahen Nordsee. Interessanterweise hielt die äußere Ziegelmauer der Hitze stand. Die Techniker konnten die historische Hülle stabilisieren und in den modernisierten Bau integrieren. Dieser Moment markierte den Übergang von der brennbaren Stadionarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts hin zu modernen Sicherheitsstandards.

Granit: Lokale Tradition trifft Statik

Ein Stadion spiegelt oft die Geologie seiner Umgebung wider. In Aberdeen, der Stadt des Granits, zeigt sich dies am Merkland Stand aus dem Jahr 1928. Während andere Clubs ihre Tribünen mit kostengünstigem Wellblech verkleideten, nutzte man in Pittodrie massives Granitmauerwerk.

Granit ist ein extrem hartes und druckfestes Gestein. Aus technischer Sicht bietet es einen hervorragenden Schutz gegen das aggressive Küstenklima. Die Fassade des Merkland Stands trotzt seit fast 100 Jahren dem ständigen Wechsel aus Frost, Tauwetter und Salzgehalt. Doch die Granitwand erfüllt nicht nur einen optischen Zweck. Sie übernimmt eine tragende Rolle für die rückwärtige Abspannung des Daches. Die Steinmetze legten großen Wert auf ein präzises Fugenbild. Diese handwerkliche Qualität ist im heutigen Stadionbau kaum noch zu finden, da Naturstein als Baumaterial mittlerweile sehr teuer ist.

Fassade des Merkland-Stands
Fassade des Merkland-Stands

Die Erfindung der versenkten Trainerbank

Eines der bekanntesten technischen Merkmale im Weltfußball hat seinen Ursprung in einer simplen Grube in Aberdeen. Im Jahr 1934 ließ Trainer Donald Colman die ersten „Dugouts“ (Trainer- und Ersatzbänke) installieren. Seine Motivation war rein analytisch. Colman wollte die Beinarbeit seiner Spieler aus einer Perspektive beobachten, die genau auf Augenhöhe mit dem Rasen lag.

Er ließ Gruben am Spielfeldrand ausheben. Diese bauliche Neuerung bot den Trainern zudem Schutz vor den oft stürmischen Winden der Nordsee. Technisch gesehen musste man diese Vertiefungen in das Entwässerungssystem des Stadions integrieren. Ohne eine funktionierende Drainage wären die Gruben bei schottischem Regen sofort vollgelaufen. Was damals als experimentelle Grube begann, ist heute ein fester Bestandteil jedes modernen Stadiondesigns weltweit.

Vorreiter beim Thema Sitzplatzsicherheit

Ende der 1970er Jahre übernahm Pittodrie erneut eine Pionierrolle. Lange bevor die britischen Behörden nach schweren Unfällen in anderen Stadien reagierten, rüstete Aberdeen sein Stadion um. Im Jahr 1978 wurde es als erstes großes britisches Stadion als reines Sitzplatzstadion zertifiziert.

Diese Umrüstung war eine bauliche Herausforderung. Ursprünglich standen die Fans auf Erdwällen, sogenannten Embankments. Um dort Sitzschalen zu montieren, mussten die Arbeiter die Geometrie der Stufen komplett verändern. Stehplatzränge sind in der Regel schmaler und steiler konzipiert. Die Ingenieure mussten neue Betonstufen gießen, die eine ausreichende Tiefe für Sitzplätze boten.

Dabei bohrten sie Tausende von Verankerungen in den Bestand. Vorher prüften sie die Karbonatisierungstiefe des Betons. Das ist ein chemischer Prozess, bei dem Beton seine Schutzwirkung für den eingebetteten Stahl verliert. Nur durch diese genauen Prüfungen konnten sie sicherstellen, dass die Sitze auch bei hoher Belastung fest im Boden verankert bleiben.

Der Richard Donald Stand: Hochleistung in Stahl

Das modernste Element des Stadions ist der 1993 fertiggestellte Richard Donald Stand (RDS). Hier setzten die Planer auf eine Zweirang-Kragarmkonstruktion. Im Fachjargon spricht man von einer Cantilever-Struktur. Der große Vorteil dieser Technik ist der Verzicht auf Stützpfeiler im Zuschauerbereich. Das Dach ragt frei über die Ränge.

Damit ein solches Dach nicht instabil wird, ist eine komplexe Lastabtragung nötig. Die statische Grundformel für das Moment , das auf die Konstruktion wirkt, lautet:

Dabei ist die Kraft (das Gewicht des Daches samt Wind- und Schneelast) und der Hebelarm (die Länge des Kragarms). Die gewaltigen Kräfte müssen im hinteren Bereich der Tribüne abgefangen werden. Dort leiten massive Stahlstützen die Lasten tief in den Untergrund. Da der Baugrund in Pittodrie inhomogen ist, kamen hier Pfahlgründungen zum Einsatz. Man trieb Betonpfähle so tief in die Erde, bis sie auf tragfähigen Schichten auflagen. Der Bau kostete damals rund Millionen Pfund und war ein deutliches Zeichen für den technologischen Aufstieg des Vereins.

Tribüne Stadion
Die modernste und größte Tribüne des Stadion, davor steht eine Statue der Trainer-Legende Alex Ferguson

Technik gegen die Elemente

Ein Stadion, das nur etwa 500 Meter von der Brandung entfernt steht, muss besonders robust sein. Korrosion ist in Pittodrie ein Dauerthema. Salzhaltige Luft wirkt wie ein Beschleuniger für Rost an Stahlteilen. Deshalb verwenden die Techniker spezielle Schutzanstriche für die Dachkonstruktionen. Diese Schichten müssen regelmäßig erneuert werden, um die statische Integrität zu erhalten.

Ein weiterer Faktor ist der Wind. Die Küstenlage sorgt für hohe Windgeschwindigkeiten, die auf die großen Dachflächen wirken. Die Ingenieure berechneten die Dachbinder so, dass sie auch extreme Windlasten abfedern. Auch der Spieluntergrund ist ein technisches System für sich. Unter der Grasnarbe sorgt eine Tragschicht aus Sand und Kies dafür, dass Regenwasser sofort abfließt. Aberdeen installierte als einer der ersten Clubs in Schottland eine Rasenheizung. Diese Anlage stellt sicher, dass der Platz auch bei frostigen Seewinden bespielbar bleibt.

Die Herausforderungen der Zukunft

Trotz der vielen Meilensteine erreicht die alte Bausubstanz ihre Grenzen. Besonders die Haupttribüne aus der Feder von Archibald Leitch entspricht in vielen Punkten nicht mehr den modernen Anforderungen an Energieeffizienz und Logistik. Eine Sanierung der alten Mauern ist oft mit Kosten verbunden, die den Rahmen der Wirtschaftlichkeit sprengen.

Momentan gibt es intensive Gespräche über die Zukunft des Standorts. Diskutiert werden ein kompletter Neubau an der Strandpromenade oder eine Erweiterung bestehender Trainingszentren. Die Entscheidung ist schwierig, da Pittodrie ein Teil der Stadtidentität ist. Doch unabhängig davon, ob das Stadion saniert oder durch einen Neubau ersetzt wird: Die technischen Innovationen, die hier ihren Anfang nahmen, haben den Stadionbau weltweit nachhaltig beeinflusst.

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