Komplementärfarben: Farbkontraste für eine harmonische Wohnatmosphäre nutzen

Von Dominik Hochwarth

Sie stehen vor einem riesigen Farbtopf im Baumarkt, und plötzlich überfällt Sie die Unsicherheit: Welche Farbe für die Wände? Welche Farbe für die Möbel? Die Antwort ist: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß – oder in diesem Fall, nicht nur Monochrom oder Mehrfarbigkeit. Mit der Wahl der richtigen Farbkontraste verpassen Sie Ihren eigenen vier Wänden ein absolutes Wohlfühlambiente. Erfahren Sie in diesem Ratgeber, was es mit den Komplementärfarben auf sich hat und wie Sie mit ihnen für Abwechslung in der Wohnung sorgen.

farbe auswaehlen
Welche Farben passen zusammen? In diesem Beitrag geht es um Komplementärfarben

Das erwartet Sie in diesem Beitrag

Im Überblick: Die wichtigsten Stichworte zu Komplementärfarben

  • Farbtheorie: Johannes Itten
  • Farbkreis: Grundlage zum Mischen
  • Primärfarben: Rot, Blau, Gelb
  • Sekundärfarben: Grün, Orange, Violett (aus Primärfarben)
  • Komplementärfarben: Gegenüberliegend auf Farbkreis
  • Tertiärfarben: Mischung aus Primär- und Sekundärfarbe
  • Farbkontraste: Betonen oder Hintergrund
    • Anwendung: Möbel, Wände
  • Farbwirkung: Emotionale Reaktionen (beruhigen, Stimmung heben)

Was bedeutet Komplementärfarbe?

Der Begriff „Komplementärfarbe“ stammt aus der Farbenlehre und leitet sich vom lateinischen Wort „complementum“ (Ergänzung) ab. Im wissenschaftlichen Sinne sind zwei Farbreize komplementär, wenn sie zusammen das gesamte Spektrum einer weißen Lichtquelle abdecken. Dies gilt auch für Körperfarben, deren Summe der Remissionskoeffizienten bei jeder Wellenlänge 1,0 beträgt. Allerdings sind nicht alle Farben, die sich additiv mit Weiß oder Neutralgrau mischen lassen, im strengen Sinne komplementär. Sie werden oft als kompensatorische Farbpaare bezeichnet.

In der Umgangssprache ist die Definition der Komplementärfarben weniger streng. Er kann sich auf Ausgleichsfarben beziehen, auf Farbpaare, die bei subtraktiver Mischung Schwarz oder Neutralgrau ergeben, oder auf Farben, die in einem Modell als Gegensatzpaare betrachtet werden. Ein anderer gebräuchlicher Begriff für diese Farben ist „Gegenfarben“.

Farbkreis basiert auf drei Grundfarben

Johannes Itten, der Begründer der Farbenlehre, hat den Farbkreis definiert, der zeigt, wie man durch Mischen verschiedener Farben neue Farbtöne erhält. Der Farbkreis basiert auf den drei Grundfarben Rot, Blau und Gelb. Mit diesen Farben lassen sich fast alle anderen Farben mischen, mit Ausnahme der Pastellfarben, für die zusätzlich Weiß benötigt wird. Ein praktisches Beispiel sind Tintenstrahl- und Laserdrucker, die mit den Grundfarben fast jede Farbe wiedergeben können.

Werden zwei Grundfarben gemischt, entstehen Sekundärfarben: Cyan und Magenta ergeben Violett, Cyan und Gelb Grün und Gelb und Magenta Orange. Außerdem entstehen Tertiärfarben, wenn eine Sekundärfarbe mit einer ihrer Primärfarben gemischt wird. Zum Beispiel ergibt das Mischen von Grün und Cyan Blaugrün, und das Mischen von Orange und Magenta ergibt Purpurrot. Das Mischen der drei Grundfarben ergibt verschiedene Grautöne, die sich in ihrer Farbintensität unterscheiden und nicht mit einem einfachen Grau aus Schwarz und Weiß verwechselt werden dürfen.

Farbkreis von Itten
Der Farbkreis von Itten kann wertvolle Hilfe bei der Wahl der richtigen Farben leisten

Komplementärfarben bestimmen

Bei der Wahl einer bestimmten Wandfarbe oder eines Möbelstücks in einem bestimmten Farbton kann es hilfreich sein, die passende Komplementärfarbe zu kennen, um eine optimale Wirkung zu erzielen. Hier bietet der bereits erwähnte Itten-Farbkreis eine praktische Orientierung. Es genügt, die gewählte Farbe oder die ihr am nächsten kommende Nuance auf dem Kreis zu identifizieren. Die direkt gegenüberliegende Farbe ist dann die Komplementärfarbe, auch Gegenfarbe oder Ergänzungsfarbe genannt.

Komplementärfarben im Farbkreis von Itten

Im Farbkreis stehen sich Gegenfarben, wie der Name schon andeutet, direkt gegenüber. Genauer gesagt befinden sie sich am diametral entgegengesetzten Punkt des Kreises. Dieses Prinzip bestimmt die Komplementärfarben für die Grundfarben (Primärfarben) wie folgt:

  • Rot & Grün
  • Gelb & Violett
  • Blau & Orange

Dieses Muster setzt sich auch bei anderen Farbtönen fort. Beispielsweise ergänzen sich die Farbpaare Rot-Orange & Blau-Grün sowie Gelb-Orange & Blau-Violett perfekt.

Das „Problem“ von Ittens Farbkreis

Der Itten-Farbkreis bildet seit den 1960er Jahren die Grundlage der modernen Farbenlehre. Seine Darstellungen sind jedoch in gewisser Weise vereinfacht und farbtechnisch nicht immer korrekt. Eine genauere Definition der Farbmischungsverhältnisse bietet das CMYK-Farbmodell. Die Abkürzung „CMYK“ steht für „Cyan“, „Magenta“, „Yellow“ und „Key“ (der Schwarzanteil). Aus farbtechnischer Sicht ergeben sich folgende Komplementärfarben und Farbpaare:

  • Rot & Cyan
  • Grün & Magenta
  • Blau & Gelb

Dennoch ist Ittens Beitrag zur Systematisierung der Farben und zur Darstellung ihrer Beziehungen und Wirkungen zueinander von grundlegender Bedeutung und unbestritten.

Komplementärfarben: Kontraste und ihre Effekte

Die Wahrnehmung von Kontrasten beruht auf dem Zusammenspiel von Auge und Gehirn. Wenn wir verschiedene Farben sehen, fügt das Gehirn automatisch zusätzliche Farbtöne hinzu, wodurch unterschiedliche Farbeffekte entstehen. Ein eindrucksvolles Beispiel für dieses Zusammenspiel von Auge und Gehirn sind schwarze Quadrate auf weißem Grund. An den Schnittpunkten der Quadrate nimmt das Gehirn graue Punkte wahr, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden sind..

Fall #1: Komplementärkontrast

Der Komplementärkontrast stellt den intensivsten und leichtesten zu erkennenden Farbkontrast dar. Hierbei bilden stets gegenüberliegende Primär- und Sekundärfarben ein harmonisches Farbduo:

  • Rot und Grün
  • Gelb und Violett
  • Blau und Orange

Das Farbduo Rot-Grün begegnet uns häufig im Alltag, wohingegen die anderen Paare seltener auftreten. Durch ihre Gegensätzlichkeit intensivieren sich die Farben in ihrer Leuchtkraft, besonders wenn sie direkt nebeneinander platziert sind. Dies maximiert ihre visuelle Wirkung. Komplementärfarben verleihen einem Raum eine lebendige und dynamische Atmosphäre. Dies gilt nicht nur für Wände, sondern für die gesamte Einrichtung.

Zum Beispiel betont eine rote Kommode oder ein roter Sessel vor einer grünen Wand die Intensität beider Farben. Ebenso hebt ein gelbes Kissen auf einem violetten Sofa beide Farbtöne hervor. Für Räume, in denen Entspannung im Vordergrund stehen soll, sind Komplementärkontraste jedoch weniger geeignet. Blautöne, bekannt für ihre beruhigende Wirkung, sind ideal für Schlafzimmer. Kombiniert man sie jedoch mit orangefarbener Bettwäsche, wird die entspannende Atmosphäre durchbrochen und der Raum wirkt belebter.

Fall #2: Simultankontrast

Der Simultankontrast zeichnet sich durch die Verbindung einer Primär- oder Sekundärfarbe mit Grau aus. Interessanterweise nimmt das menschliche Gehirn das Grau in der Komplementärfarbe des jeweiligen Farbtons wahr. Hier einige Beispiele:

  • Rot kombiniert mit Grau
  • Grün kombiniert mit Grau
  • Blau kombiniert mit Grau
  • Orange kombiniert mit Grau
  • Gelb kombiniert mit Grau
  • Violett kombiniert mit Grau

In der Praxis bedeutet dies, dass ein Grau neben Gelb einen leichten Violettstich annimmt, während dasselbe Grau neben Rot grünlich erscheint. Bei der Auswahl von Farbkombinationen, insbesondere mit Grau, sollte man stets bedenken, wie die Komplementärfarbe das Grau beeinflusst.

Dies gilt auch beim Möbelkauf: Ein Sofa, das vor Ort einen leichten Orangeton zu haben scheint, könnte tatsächlich neutral sein, aber durch eine blaue Wand im Hintergrund diesen Farbeindruck erhalten. Es ist ratsam, den Kontext und den Hintergrund genau zu prüfen, bevor man eine Entscheidung trifft.

Fall #3: Qualitätskontrast

Der Qualitätskontrast bezieht sich auf die Intensität einer Farbe und ihre visuelle Wirkung. Farben mit hoher Leuchtkraft und Intensität treten in den Vordergrund und werden stärker wahrgenommen. Weniger intensive, matte Farben wie Pastelltöne oder Farben mit Grauanteil treten dagegen in den Hintergrund.

Ein Beispiel hierfür ist ein dunkelgrüner Sessel vor einer leuchtend roten Wand: Der Sessel scheint optisch zu verschwinden. Stellt man jedoch einen knallroten Sessel vor eine dunkelgrüne Wand (oder umgekehrt, einen knallgrünen Sessel vor eine dunkelrote Wand), wird der Sessel durch den qualitativen Kontrast zum zentralen Blickfang und zieht alle Blicke auf sich. 

RGB-Farbrad
RGB-Farbrad: Die Komplementärfarbe liegt stets genau gegenüber

Komplementärfarben: Wirkung von Farben

Jede Farbe besitzt eine eigene psychologische Wirkung auf den Betrachter. Bei der Raumgestaltung ist es daher ratsam, zunächst die gewünschte Atmosphäre zu bestimmen und den Raum entsprechend zu gestalten. Die Kombination verschiedener Farben, sei es harmonisch oder kontrastreich, beeinflusst das Gesamtbild. Ein durchdachtes Farbkonzept sorgt für eine ausgewogene und stimmige Raumwirkung. Hier eine Übersicht über die Wirkung einzelner Farbtöne:

  • Blautöne: Blau strahlt Kühle und Beruhigung aus und fördert Entspannung.
  • Rottöne: Rot, als warme Farbe, symbolisiert Dynamik und Leidenschaft. Ein intensives Rot kann jedoch auch Aggressivität hervorrufen und sollte bedacht eingesetzt werden.
  • Gelbtöne: Gelb, die leuchtendste aller Farben, erzeugt Fröhlichkeit. Es vergrößert Räume optisch und fördert Heiterkeit und Kreativität.
  • Violetttöne: Ein ausgewogenes Violett, gemischt aus Rot und Blau, wirkt beruhigend und fördert die Konzentration. Bei unterschiedlichen Mischverhältnissen neigt die Wirkung zur dominierenden Primärfarbe.
  • Grüntöne: Grün symbolisiert Natur und Harmonie. Es vermittelt Ruhe und Entspannung, ohne kühl zu wirken.
  • Orangetöne: Orange steht für Lebensfreude und Aktivität. Es strahlt Wärme aus, hebt die Stimmung und kann gegen Appetitlosigkeit helfen.
  • Weiß: Ununterbrochene weiße Flächen können dominant wirken, vermitteln jedoch auch Weite und lassen Räume größer erscheinen.
  • Schwarz: Schwarz assoziiert Trauer und kann bedrückend wirken. Schwarze Räume können beengend erscheinen und lassen den Raum kleiner wirken.

Farben richtig miteinander kombinieren

Zunächst sei gesagt: Bei der Farbwahl ist Ihr persönlicher Geschmack entscheidend. Wenn Sie jedoch unsicher sind, wie Sie Räume wie das Wohnzimmer, die Küche oder das Schlafzimmer farblich gestalten sollen, bieten drei Farbkonzepte Orientierung. Sie können Farben auf folgende Weisen kombinieren:

  1. Harmonisch: Hierbei werden Farbtöne aus dem Farbkreis gewählt, die zwischen zwei Primärfarben liegen. Das Ergebnis ist eine harmonische Farbpalette, bei der die Töne einander ähneln, wie beispielsweise Blau-Grün, Grün und Gelb-Grün. Diese Farbgruppen können Sie natürlich auch erweitern und in feineren Nuancen kombinieren.
  2. Akzentuiert: Bei dieser Methode setzen Sie auf Komplementärfarben, wobei die Komplementärfarbe nur als Akzent dient. Ein Beispiel wäre ein Schlafzimmer, das hauptsächlich in einem sanften Blau gestaltet ist. Als Akzent könnten Sie Orangetöne hinzufügen, die jedoch nur einen kleinen Teil des Farbschemas ausmachen und das Blau ergänzen.
  3. Lebendig: Für eine lebendige Farbkombination wählen Sie drei Farbtöne aus dem Farbkreis. Stellen Sie sich ein gleichschenkliges Dreieck im Farbkreis vor, wobei jeder Eckpunkt auf einen Farbton zeigt. Eine mögliche Kombination wäre Gelb-Grün plus Rot-Orange plus Blau-Violett. Wichtig ist, dass alle drei Farbtöne eine vergleichbare Intensität haben, sodass keine Farbe dominiert oder untergeht.
Farbrad hell dunkel
Durch Beimischen von Weiß oder Schwarz lassen sich die Farbtöne verändern, wählen Sie als Komplementärfarben die gegenüberliegenden Farben aus dem gleichen Ring

Wirkung von Komplementärfarben

Die Komplementärfarbe ergänzt eine Grundfarbe, die ihr im Farbkreis gegenüberliegt. Aber wie wirken die Farben zusammen? Ihre Hauptwirkung liegt in der Kontrastbildung, bei der eine Farbe die andere hervorhebt. So kommen in einem grün eingerichteten Wohnzimmer rote Dekorationselemente besonders gut zur Geltung. Ebenso verstärken warme Gelbtöne in einem Arbeitszimmer violette oder lila Akzente.

Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass ein Raum, in dem ausschließlich Komplementärfarben verwendet werden, nicht unbedingt einladend oder stilvoll wirkt. Eine Raumgestaltung, die ausschließlich auf Komplementärfarben basiert, bedeutet nicht, dass blaue Wände und Teppiche mit orangefarbenen Möbeln und Vorhängen kombiniert werden sollten. Um eine harmonische Wirkung zu erzielen, sollten Komplementärfarben immer durch neutrale Töne wie Weiß, Schwarz oder Grau ergänzt werden. Nur so können die Komplementärfarben ihre volle Kontrastwirkung entfalten.

Komplementärfarben einfach bestimmen

Zum Glück ist man nicht ausschließlich auf den Farbkreis von Johannes Itten angewiesen. Unzählige Farbtöne und Farbkombinationen warten darauf, entdeckt zu werden. Allerdings kann es manchmal eine Herausforderung sein, die passenden Komplementärfarben zu finden. Hier können verschiedene digitale Werkzeuge wertvolle Hilfe leisten.

Ein besonders beliebtes Werkzeug ist Adobe Colour CC. Mit dieser Software können Sie ein Bild hochladen, dessen Farbzusammenstellung Sie anspricht, und das Programm analysiert und extrahiert die darin enthaltenen Farben. Auf diese Weise lassen sich inspirierende Farbkombinationen leicht identifizieren.

Ein weiteres nützliches Tool ist der Color Scheme Designer von Paletton. Hier wählt man zunächst einen Grundfarbton aus und kann dann über die Option „complement“ die zugehörige Komplementärfarbe bestimmen. Empfehlenswert ist auch das Adobe Color-Wheel, mit dem Sie direkt online Farbkombinationen erforschen und erstellen können.

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