Reetdach: Was ist das, was kostet es, wie gut ist es?

Früher bauten die Menschen ihr Haus mit dem, was die Natur in der jeweiligen Gegend in ausreichendem Maße zu bieten hatte: Holz, Lehm, Schiefer, Ton oder Schilf. Aus dieser Zeit stammt auch das Reetdach, das bis in die heutige Zeit überdauert hat und das aus dem Schilfrohrgewächs Reet besteht. Das findet man hauptsächlich in Sumpflandschaften, hierzulande ist das insbesondere das norddeutsche Küstengebiet. Dort gehört das Reetdach zum guten Ton (etwa 70.000 Reetdachhäuser soll es dort geben), in anderen Gebieten Deutschlands ist es eher selten anzutreffen. Erfahren Sie in diesem Beitrag, was ein Reetdach genau ist und was es beim Reetdachdecken zu beachten gilt.

Typisches Reetdachhaus
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Typisches Reetdachhaus, wie es in Norddeutschland häufig anzutreffen ist

Das erwartet Sie in diesem Beitrag

Ein kurzer Blick in die Geschichte

Früher nahmen die Baumeister das, was sie vor Ort fanden zum Hausbau. In Norddeutschland gab und gibt es jede Menge Schilf. Damit deckten sie dann ihrer Häuser. Reet hat übrigens zahlreiche Bezeichnungen wie zum Beispiel Riet, Ried, Reid oder Rieth. Durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde das Reet- bzw. Rohrdach durch Hartbedachungen wie Tonziegel und später auch Betonpfannen ersetzt.

Erst die Rückbesinnung auf natürliche Baustoffe brachte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Reet auf die Dächer zurück. Besonders bei Fachwerkhäusern entfalten Reetdächer ihre besondere Wirkung. Reetdächer gibt es im gesamten nord- und mitteleuropäischen Raum wie beispielsweise Niederlande, England, Dänemark oder Frankreich. In Deutschland findet man Reetdächer vor allem in nördlichen Regionen. Wobei es auch im Schwarzwald sehr schöne reetgedeckte Häuser gibt.

Wie wird Reet geerntet?

Reet ist ein Schilfrohrgewächs, das an den Uferzonen von Seen und Feuchtgebieten wächst. Es wächst im Wasser und enthält daher eine Menge Silicium. Dadurch weist es eine gute Wetterfestigkeit auf und ist schwer entflammbar. Reet ist ein nachwachsender Rohstoff, der im einjährigen Zyklus heranwächst und geerntet wird. Da es, wie erwähnt, im Wasser und sumpfigen Uferbereichen wächst, kann es nur im Winter geerntet werden, wenn der See vereist ist. Selbst dann ist das Gelände noch so unwegsam, dass die Reeternte häufig mit der Hand erfolgt.

Obwohl es spezielle Mähmaschinen gibt, ist die Sichel ein alltägliches Erntewerkzeug. Nach dem Mähen müssen die Reetbündel von Unkrautstengeln und Verunreinigungen befreit werden. Dafür gibt es eine Maschine, die das erledigt und die Bündel auskämmt. Anschließend wird das Reet zum Trocknen in Kegeln stehend gelagert. Nach einer Trockenzeit von bis zu einem halben Jahr wird das Reet je nach Verwendung auf das richtige Maß zugeschnitten.

Wo kommt das Reet für die Dacheindeckung her?

In Deutschland findet man heutzutage kaum noch Reet, das für die Dacheindeckung verwendet werden kann. Zum einen sind manche Reetsorten wie das ostfriesische Reet durch Gewässerverunreinigungen fast ausgestorben oder so weit degeneriert, dass es nicht mehr verwendet werden kann. Zum anderen stehen viele Gebiete, in denen Reet wächst, unter Naturschutz und dürfen nicht abgeerntet werden. So werden 90% bis 95% des benötigten Reets aus Österreich, Ungarn, Rumänien, Polen und der Türkei importiert.

Qualitativ hochwertiges Reet erkennt man an harten Halmen und der gelblichen bis braunen Farbe. Zudem muss es frei von Gras und anderen Pflanzenresten sein. Schließlich müssen sich die Reethalme biegen lassen, dürfen dabei aber nicht brechen. Reet verwendet man hauptsächlich zur Dacheindeckung. Es gibt jedoch auch Reetmatten zum Sicht- und Baumschutz oder zu Abdeckung von Beeten zum Schutz vor Frost. Insbesondere im Lehmbau verwendet man Reetmatten auch als Putzbewehrung.

Reetdachdecker bei der Arbeit
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Reetdachdecker bei der Arbeit

Wie sieht es mit der Brennbarkeit von Reet aus?

Reetdächer sind Weichdächer, das heißt, sie können anfangen zu brennen. Hinsichtlich des Brandschutzes gibt es daher Unterschiede zu Hartdächern aus Ziegel oder Betonpfannen. So müssen die Abstände zu anderen Gebäuden bei Weichdächern größer sein. Doch es gibt Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern:

  • In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern liegt der vorgeschriebene Grenzabstand von eingeschossigen Reetdachhäusern mit maximal zwei Wohnungen bei mindestens 6 m.
  • In anderen Bundesländern ist in den Landesbauordnungen ein Grenzabstand von 12 m vorgesehen.

Durch spezielle feuerhemmende Produkte lässt sich der Entflammungspunkt von Reetdächern erhöhen. Als Folge von Funkenflug sollen die Chancen für das Ausbrechen eines Feuers dann kaum höher liegen als bei einem Pfannendach. Mit dem Preis, dass altes Reet nicht einfach verbrannt oder vergraben werden darf, sondern als Sondermüll gilt. Seit Anfang Okober 2016 wird in Deutschland eine EU-Richtlinie umgesetzt, nach der Hexabromcyclododecan (HBCD) als Sondermüll gilt und daher nicht mehr in Müllverbrennungsanlagen angenommen wird.

Wie wird ein Reetdach gedeckt?

Ein Dach mit Reet eindecken, kann nicht jeder Dachdecker, das muss extra gelernt werden. Nach der Lehre dürfen sie sich dann Reet- oder Rohrdachdecker nennen. Das Reet wird bündelweise auf das Dach gebracht und befestigt. Dies geschieht mit gebundener, genähter oder geschraubter Deckung.

#1: Gebundene Deckung

Beim gebundenen Dach beginnt der Reetdachdecker von der Traufe aus Lage für Lage der Reetbündel an der Lattung zu befestigen. Die Bunde werden auf die Lattung gelegt, darauf kommt ein 5 mm dicker Rundstahl parallel zur Lattung. Mit Bindedraht wird der Rundstahl alle 20 bis 25 cm locker an der Lattung gebunden. Nun werden die Bunde aufgeschnitten und mit dem geriffelten Klopfbrett in Form gebracht. Erst dann wird der Bindedraht fest angezogen.

#2: Geschraubte Deckung

Anstelle des Bindedrahtes kann der Dachdecker auch eine Schraube verwenden, um die mittig ein Draht gewickelt ist. Man spricht dann von geschraubter Deckung.

#3: Genähte Deckung

Bei der genähten Deckung benötigt man eine gebogene und eine gerade Nadel. Mit der gebogenen Nadel wird der Draht durch die Reetschicht durchgesteckt und mit der geraden Nadel wird der Draht auf der Innenseite des Daches „gefangen“. Ein weiteres wichtiges Werkzeug des Reetdachdeckers ist der Deck- bzw. Dachstuhl. Dies ist eine kurze Leiter mit einem Dorn an einer Seite. Der lange Dorn wird durch das frische Reet gesteckt und an den Latten festgehakt.

Welchen Aufbau hat ein Reetdach?

Auf der Abbildung sieht man den möglichen Aufbau eines Reetdachs. Die wichtigsten Merkmale sind die mindestens 30 cm dicke Reetschicht, die Dachneigung von mindestens 45° und eine ausreichende Hinterlüftung. Wobei manche Experten die Ausführung des Reetdachs als Warmdach empfehlen. In diesem Fall entfällt die Lüftungsebene und es entsteht das Problem, dass die Feuchtigkeit davon abgehalten werden muss, sich in der Dachhaut zu sammeln.

Aufbau eines Reetdachs
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Aufbau eines Reetdachs

Zurück zum Reetdach mit Hinterlüftung. Eine Dämmwirkung übernimmt das Reet bei einem hinterlüfteten Dach nicht, die Wärmedämmung muss auf andere Weise sichergestellt werden. Durch den Wechsel von Luft- und Pflanzenbestandteilen sorgen Reetdächer nicht nur für gute Wärmedämmeigenschaften, sondern auch für einen guten Lärmschutz.

Der Lärm wird bei einem Reetdach auf zwei Arten reduziert:

  • Die Luft in den Halmen sorgt für eine Abminderung des Lärmpegels
  • Durch die Halmaußenwände wird der Schall gebrochen und teilweise zurückgeworfen.

Reetdächer sind durch ihren Aufbau auch regensicher. Bei normalem Regen dringt die Feuchtigkeit etwa 5 cm in die Dachhaut ein, bei starkem Regen und Sturm sind es nur wenige Zentimeter mehr. Bei Sturm kommt ein weiterer Vorteil des Reetdachs zum tragen. Die Dachhaut ist elastisch und bildet durch die Bindung an die Traglattung eine Einheit. Das Reetdach kann somit den Windkräften bis zu einem gewissen Grad nachgeben, ohne seinen inneren Zusammenhang zu verlieren.

Wie alt kann ein Reetdach werden?

Wie im Kapitel zuvor geschrieben, ist ein neues Reetdach etwa 30 cm stark. Mit der Zeit nimmt die Dicke der Reetschicht ab. Durch die Einwirkungen von Sonne und Wind verrotten die Stoppelspitzen. Wenn das Dachhaut nur noch eine Dicke von 15 bis 20 cm besitzt, muss sie gewartet werden.

Wie schnell der Alterungsprozess voranschreitet, ist von mehreren Faktoren abhängig. Je steiler das Dach beispielsweise ist, desto haltbarer ist es, da es schneller abtrocknen kann. Vermindert wird das Abtrocknen, wenn das Dach im Schatten liegt oder mit Laub bedeckt ist. Laub sollte daher unbedingt entfernt werden.

Auch die Qualität des verwendeten Reets ist für die Haltbarkeit des Daches wichtig. Ein hinterlüftetes Dach hat den Vorteil, dass von außen eindringendes Wasser auch auf der Innenseite abtrocknen kann. Zudem kann Feuchtigkeit aus dem Innern des Hauses nicht in das Reet gelangen.

Kommen wir nun zur Lebensdauer eines Reetdachs: In der Regel liegt die zwischen 25 und 40 Jahre, im Einzelfall kann sie auch deutlich höher sein. Die Einflussfaktoren haben wir bereits genannt, dazu kommt eine sorgfältige handwerkliche Ausführung, die beim Reetdach einen wesentlich größeren Einfluss als bei anderen Dachmaterialien.

altes Reetdach
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Dieses alte Reetdach müsste dringend erneuert werden

Was kostet es, ein Reetdach zu erneuern?

Ein Reetdach gehört sicherlich zu den kostspieligsten Dächern, die Sie sich leisten können. Dafür bekommt sie aber auch etwas ganz Besonderes. Pro Quadratmeter Dachfläche können Sie mit Kosten zwischen 80 und 130 Euro rechnen. Soll das Reetdach zusätzlich gedämmt werden, steigt der Preis auf bis zu 160 Euro pro Quadratmeter. Je nach Größe der Dachfläche kostet ein komplettes Reetdach zwischen 25.000 und 40.000 Euro.

Immerhin: Reetdächer haben keine Dachrinnen. Bei Regen läuft das Wasser an den Reethalmen von der Dachfläche bis an die Traufe, wo es dann nach unten abtropft. Und noch weitere Vorteile hat das Dach. So ist es zum Beispiel extrem sturmsicher, trotzt Regen, Schnee und Frost. Im Gegensatz zu einem Hartdach ist es zudem diffusionsfähig und atmungsaktiv. Es filtert außerdem die Luft und reguliert die Feuchtigkeit im Haus.

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